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Hallo 18 Summers! Schön, wieder von Euch zu hören. Euer neues musikalisches gepresstes Lebenszeichen heißt „The Magic Circus“. Folgen wir Euch damit auf ein metapher-geschwängertes Terrain, oder habt ihr auch zum Zirkus – der an sich im besten Falle ja auch eine magische Umgebung darstellt – ein bestimmtes Verhältnis?

Felix: Um ehrlich zu sein kann ich Zirkusse nicht leiden. Und ich leide zwar nicht an Coulrophobie, aber Clowns mag ich schon gar nicht. Es handelt sich also tatsächlich nicht um einen realen Zirkus, sondern wir laden die Zuhörer ein, uns auf eine Reise in eine magische Welt zu begleiten. Und obwohl wir viele verschiedene Einflüsse zulassen klingt das Album wie aus einem Guss, ist aber trotzdem kein Konzeptalbum. Jeder der Songs kann auch für sich alleine stehen. Deshalb bin ich auch vom letzten der ursprünglichen Layouts, das eine Melange aus einer Freak-Show und medizinischen Experimenten aus den 30-ern werden sollte wieder abgerückt und habe eher persönliche Bilder und Schnappschüsse für das Artwork verwendet. Ein Ausflug in die Stuttgarter Wilhelma, Nicole in unserem neuen Tara Miller-T-Shirt, die Tochter einer alten Freundin, meine Katze Juli und es gibt sogar ein Foto meiner Mutter mit einer Zither im Alter von 14 Jahren.

Im Intro zum Album habt Ihr direkt am Anfang Song“fetzen“ älterer Songs...ich sag mal: versteckt. War das ein bewusster Kniff, um zu sagen: „Ja, damals wie heute – das sind wir!“ ?

Felix: Ja, diese Radioshow ist ein weiteres verbindendes Element, das sich durch das Album zieht. Bevor die Show beginnt muss man eben den richtigen Sender finden und was liegt näher, als das wir uns selbst zitieren und die Vergangenheit kurz anklingen lassen. Aber auch hier haben wir nicht das ganze Album diesem Thema untergeordnet und nach jedem zweiten Titel die Moderatorin zu Wort kommen lassen. Es ist nur ein weiterer Rahmen für die Geschichten, die erzählt werden, die Stimmungen, die wir in den Songs eingefangen haben.

Gute zehn Jahre zwischen dem letzten Album und diesem sind ja kein unerheblicher Zeitraum. Was hat Euch dazu bewegt, jetzt ein neues Album zu machen...gab es einen bestimmten Auslöser? Oder auch anders herum gefragt: was hat Euch die letzten zehn Jahre davon abgehalten?

Felix: Wir haben tatsächlich schon vor zehn Jahren begonnen, an den ersten Titeln des neuen Albums zu arbeiten. Da wir aber keinerlei Termindruck von Seiten eines Labels hatten, konnten wir uns alle Zeit der Welt nehmen. Wir haben ja beide Jobs neben der Musik (oder machen Musik neben unseren Jobs), Frank hat sich inzwischen ein Studio eingerichtet, ich habe begonnen, Theater zu spielen, habe die Kirche wieder verkauft, in der ich über 10 Jahre gelebt habe, habe Trennungen und neue Beziehungen hinter mir und durch all diese Veränderungen in meinem Leben hat es eben ziemlich lange gedauert, bis wir die Arbeiten abschließen konnten.

Wie war der Kontakt untereinander in der „albumfreien“ Zeit? Seid Ihr Bandkollegen, die sich auch so ab und zu auf ein Glas Wein oder einen Kaffee treffen, oder ist jeder von Euch abseits von 18 Summers soweit in andere Projekte eingebunden, dass Ihr Euch selten zu Gesicht bekommt?

Frank: Wir treffen uns schon ab und an mal auch ohne dass Musik im Spiel ist. Wir wohnen ja nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Aber da wir beide durch den Job ziemlich wenig Zeit haben, ist es doch meist die Musik, die uns zusammen bringt. Wobei wir ja nicht wie die Soldaten an den Geräten hängen, sondern auch erst mal bereden, was es so an Klatsch und Tratsch gibt. Wir haben es zudem auch nicht als "albumfreie" Zeit erlebt, sondern die ganzen Jahre daran gearbeitet. Wobei es die letzten 2-3 Jahre dann etwas konkreter wurde. Und wie Felix schon sagt: Dass es dann so lange gedauert hat, lag vermutlich daran, das wir keine Termine einzuhalten hatten und so genüsslich trödeln konnten. Wenn Du also nicht geschrieben hättest, dass Interview muss am nächsten Freitag fertig sein, wer weiß wann das etwas geworden wäre ;-)

Der Sound des Albums ist sehr gut arrangiert, die Songs an sich klingen im Großen und Ganzen sehr ausgeglichen. Kann man vermuten, dass Ihr mit Euch selbst gegenwärtig...oder zumindest während der Produktion des Albums...mit Euch selbst und untereinander „im Reinen“ wart, wie man so schön sagt?

Frank: Ich glaube das liegt auch ein Stück weit an unserer neuen Arbeitsweise. Wir gehen ja nicht mehr in ein externes Studio, sondern nehmen bei mir auf. Wenn zwei Typen wochenlang im Studio eingesperrt sind kann sich die Stimmung stark verändern. Von ausgelassener Party bis zu "Ich will hier raus!" und wieder zurück. Jetzt bereite ich die Lieder vor, Felix schaut vorbei, wir arbeiten daran weiter, schicken es zu Roman, der ja in Rotterdam wohnt, er schickt uns seine überarbeitete Version zurück und dann das Ganze wieder von vorne bis es fertig ist. Hört sich umständlich an, ist aber eigentlich recht entspannt. Wir haben mehr Zeit auch alleine und in Ruhe daran zu arbeiten. Das hört man den Liedern wahrscheinlich auch an.

Was mir persönlich besonders gut gefällt ist das Arrangement der verschiedenen Gitarrensounds als Mosaikstein im Gesamtsound – also quasi nicht zu leise und nicht zu laut, z.B. im Solo von „The Magic Circus“. Habt Ihr die Gitarren digital aufgenommen und bearbeitet, oder stand noch irgendwo ein guter alter Verstärker in der Signalkette?

Frank: Durch die Proben fürs Amphi, habe ich seit langer Zeit mal wieder einen Verstärker angestöpselt. Ich spiele dazu über einen alten Vox aus den 60er-Jahren und habe mir kürzlich noch einen kleinen Vox Valvetronix zugelegt. Nette Sache. Die Gitarrenaufnahmen zum Album sind allerdings alle mehr oder weniger digital aufgenommen worden. Einige wurden komplett über Software-Sounds aus dem Rechner und andere mit einem uralten Effektgerät aufgenommen. Ich denke aber, dass ich in nächster Zeit gerade bei Aufnahmen wieder häufiger einen Verstärker einsetzen werde. Das gilt natürlich nicht für die Akustikgitarren.

Ihr seid Eurem Sound immer treu geblieben, was den Wiedererkennungswert natürlich zementiert. Kann man Euch guten Gewissens als die AC/DC des Dark oder Gothic Pop bezeichnen?

Felix: Hahaha, so lange ich nicht eines Tages wie Bon Scott auf dem Autorücksitz einschlafe und an meiner Kotze ersticke kann ich damit leben. Wir verstehen uns eigentlich als Songwriter und obwohl es immer auch Nummern geben wird, die in Clubs gespielt werden, sind mir rein akustische Songs wie The “Funeral“ meist am liebsten, ist es doch allein mit einer Gitarre und einer Stimme viel eher möglich, eine intime Stimmung zu transportieren, als mit all dem Synthie-Schnick-Schnack. “The Funeral“ ist übrigens der Song, den wir erst ganz am Schluss eingespielt haben, als das Album praktisch schon fertig war.

Die Zeit mit Silke Bischoff mit einberechnet steht dieses Jahr ein Jubiläum an, oder? 1992-2012...feiert Ihr das in irgendeiner Form, oder habt Ihr schon gefeiert?

Felix: In meinem Alter feiert man nicht mehr. Oder man feiert jeden Tag. Wie ich immer zu sagen pflege: Zum Geburtstag wird nicht mehr gratuliert, sondern kondoliert.

Ist die schwarze Szene für Euch ein dankbares Publikum? Habt Ihr das Gefühl, dass die Menschen innerhalb dieser Szene eher traditionell sind und „alten“ Bands länger die Stange halten, oder glaubt Ihr, dass Trends eine große Rolle spielen?

Felix: An den vielen 80-er Partys, die noch immer veranstaltet werden, ist deutlich zu erkennen, dass die „alten“ Bands nicht nur ein kurzfristiges Phänomen waren. Viele Leute der Schwarzen Szene kaufen vielleicht nicht mehr jeden Monat Magazine wie Gothic, Zillo, Sonic Seducer etc.; sie sind verheiratet, haben Kinder, einen „normalen“ Job, aber sie sind noch immer „schwarz“. Und wie an dem Film “Control“ von Anton Corbijn über Ian Curtis zu sehen ist, erhält eine wichtige Band wie Joy Division, die aus der Post-Punk-Szene stammend den Weg hin zum Dark-Wave bereitet hat, sogar heute erst in einem größerem Rahmen die Anerkennung, die sie damals nur innerhalb der Szene gewinnen konnte.

Allerdings ist die Schwarze Szene auch immer in Bewegung und wer hätte sich vor einigen Jahren vorstellen können, dass Cyber-Goths mit bunten PuschelWuscheln an den Beinen und Atemschutzmasken im Gesicht ekstatische Gruppentänze zum Besten geben? Das ist aber in Ordnung. Es ist immer ein bisschen traurig, wenn man nur mit seinen alten Erfolgen unterwegs ist, wenn keine Weiterentwicklung stattfindet. Ich freue mich gerade über die Kids, die mit unseren Sachen etwas anfangen können und gar nicht wissen, was wir früher gemacht haben.

Der Songtitel „Radio S.A.T.A.N.“, der ja ebenfalls im Intro und vesrchhiedenen Zwischen“ansagen“ schon angedeutet wird, steht etwas plakativ aus den anderen heraus - der Text ist gar nicht so höllisch wie man vermuten möchte. Welchen Anlass, so es denn einen bestimmten gab, hat zu diesem Song geführt und wie oft ist der Titel schon missverstanden worden?

Felix: Ich habe ja früher häufig LaVey und Crowley in meinen Lyrics zitiert und war dem Satanismus gegenüber sehr aufgeschlossen (wobei Satanismus wohlgemerkt nichts mit Tieropfern und dergleichen zu tun haben muss) und selbst wenn man Anton Szandor für einen Scharlatan halten sollte, finde ich seine Satanische Bibel noch immer lesenswerter als das, was Christen als Heilige Schrift im Angebot haben.

Euer Producer Roman Schönsee ist mir persönlich, aber wohl auch dem ein oder anderen Leser, schon seit seiner Pyogenesis-Zeit ein Begriff – später kamen dann ja noch Dreamside, Danse Macabre, etc. dazu. Da er mir als Produzent bislang nicht untergekommen ist: wie habt Ihr ihn kennengelernt und wie hat sich Eure Beziehung (wenn man das so nennen kann) während der Albumproduktion entwickelt?

Frank: Roman haben wir durch Peter Ehrenfeld kennengelernt. Peter kennen wir ja schon seit Ewigkeiten - mit ihm zusammen haben wir einst auch das Crystal Lake Album “Violent Vision Blue“ aufgenommen. Er hatte damals zwei Doppelhaushälften gemietet - in der einen hat er selbst gewohnt und in der anderen Itchy von Shock Therapy. Anschließend ist dann Roman mit seinem Studio dort eingezogen. Das waren zwei ziemlich unspießige Doppelhaushälften, muß ich sagen ;-)
Wir haben damals ganz normal Romans Studio gebucht. Das war 2000 rum und seitdem arbeiten wir mit ihm zusammen. Itchy war mit unserer alten Freundin Sabina, die inzwischen wieder in Deutschland wohnt, nach Detroit gezogen, wo er 2008, nur ein Jahr nach seiner Entlassung aus dem Michigan State Prison, verstarb. Roman hatte Anfangs den Part des Creative Producers und John Fryer hat die beiden Alben "Phoenix from the Flames" und "Virgin Mary" als Produzent betreut. Seit "The Magic Circus" macht Roman das komplett und inzwischen ist er so was wie unser drittes, inoffizielles Bandmitglied geworden. Für das neue Album haben wir uns die Lieder hin- und hergeschickt, bis wir uns dann gegen Ende der Produktion für eine Woche bei mir getroffen haben, um letzte Gesangs- und Gitarrenaufnahmen zu machen. Wir haben Roman also während der ganzen Zusammenarbeit am letzten Album leider nur eine Woche gesehen, aber wir kennen uns ja sehr gut aus den Zeiten in seinem Studio in Deutschland. Und die Studioaufenthalte damals waren immer ziemlich intensiv, will ich mal so sagen ;-)

Wem gehört die weibliche Stimme auf „The Magic Circus“?

Felix: Die “Radiomoderation“ hat Sarah Kass übernommen, die übrigens tatsächlich in Paderborn eine schwarze Radiosendung moderiert. Sie hatte mich vor einigen Jahren gefragt, ob ich nicht im Cube, einem Club in Paderborn auflegen wolle und obwohl das normalerweise nicht so mein Ding ist, haben wir angefangen, uns stundenlang am Telefon zu unterhalten und schließlich war ich nicht nur ein paar Tage länger als gedacht in Paderborn, sondern es wurde eine Fernbeziehung daraus und wir haben uns häufig in Köln, Frankfurt und Oberriexingen getroffen oder auch mal einige Tage in Prag verbracht.

Ansonsten sind noch Kemi Vita, The Dreamside und Manja Göckel auf dem Album zu hören.

Ist „The Magic Circus“ ein Album für den Urlaub? Und wenn ja: für welche Urlausbziele ist es am besten geeignet?

Felix: Wohl für das ferne Land Balkonien. Ich bin kein großer Urlauber und kann das schlecht beurteilen. Wir sind inzwischen wohl nicht mehr ganz so düster unterwegs, aber regnen darf es schon, dichter Bodennebel wäre mir gerade recht und der Herbst ist ohnehin meine liebste Jahreszeit. “The Magic Circus“ ist wohl eher eine Reise in Deine innere Welt.

Müsst Ihr Euch nach jahrzehntelanger Erfahrung im Musik- und Kunstgeschäft mit allem was dazu gehört – im Guten wie im Schlechten – noch aktiv motivieren, oder kommt der „Trieb zur Kunst“ automatisch aus Euch heraus?

Felix: Manchmal habe ich geradezu ein schlechtes Gewissen, nicht mehr zu tun und wenn man schon ein Talent hat, irgendetwas im kreativen Bereich erschaffen zu können, ist es eigentlich eine Schande, nicht all seine Energie darauf zu verwenden. Dann wieder weiß ich nicht, was ich zuerst tun soll.

Vielen Dank für das Interview!

Interview 18 Summers für Gothic
Natürlich stellt sich erst einmal die Frage, wie man zehn Jahre brauchen kann, um ein neues Album fertig zu stellen, aber aus eigener Erfahrung weiß ich leider zu gut, wie einem das Leben bei diversen kreativen Unterfangen auf Abwege bringen kann – wobei ihr ja nicht vollkommen untätig wart – Felix, du hast dich ja unter anderem als Schauspieler betätigt. Viel interessanter finde ich die Frage, was letztendlich den Anstoß gegeben hat, das Album tatsächlich fertig zu stellen, gab es einen bestimmten auslösenden Moment? Sind die Stücke alle nach und nach entstanden, oder gab es irgendwann einen kreativen Schub, wo dann alles ganz schnell ging?
Wir haben schon vor Jahren damit begonnen, an den ersten Songs zu arbeiten, aber es gab immer lange Zeiträume, in denen wir uns mit ganz anderen Dingen beschäftigt haben. Wir hatten keinerlei Zeitdruck, keine Verträge oder Vereinbarungen, die es einzuhalten galt und so konnten wir uns alle Zeit der Welt nehmen. Zwischendrin und vor allem auch in der letzten Zeit gab es allerdings schon Phasen, in denen wir sehr intensiv an der Fertigstellung des Albums gearbeitet haben. Es gab also keinen bestimmten auslösenden Moment, es war nur wie nach einer langen Kurve, die plötzlich doch wieder zu einer Geraden wird, so dass man noch mal Vollgas geben kann, um endlich ans Ziel zu kommen.
Ihr habt im Intro des Albums lustigerweise ja ein paar Versatzstücke aus alten Songs von euch verbaut, z.B. von „I Don’t Love You Anymore“… als Remineszenz an alte Silke Bischoff-Zeiten?
Ja, es ist ja ein Teil unserer Vergangenheit und was wir tun entsteht auch aus der Summe gemachter Erfahrungen. Da schaut man schon mal kurz zurück, bevor man sich nach vorne wendet und neues Terrain betritt.
Wie ich gelesen habe, gibt es ein von euch selbst produziertes Video zu dem Song „Underworld“, der kurzzeitig auf YouTube zu sehen war, dann aber am gleichen Tag wieder von euch entfernt wurde. Wie kommt’s? Und wird man das Video noch zu sehen bekommen (ich hab’s leider verpasst)?
Felix: Das war ein Spaß-Video, das wir bei mir zuhause gedreht haben. Vor Ewigkeiten gab es das einen halben Tag lang auf unserer alten MySpace-Seite zu sehen und wir hatten nicht vor, es zum jetzigen Zeitpunkt auf YouTube zu veröffentlichen. Eigentlich ist auch nicht daran gedacht, es überhaupt irgendwann zu veröffentlichen.
Eure Alben waren zwar auch früher schon recht eingängig, aber auf „The Magic Circus“ klingen die Songs noch eine Stufe poppiger, wie ich finde. Die Mystik eurer früheren Alben vermisse ich ein wenig (was natürlich ein komplett subjektiver Eindruck ist )… Empfindet ihr das selbst auch so? Und falls ja: Was waren die Ursachen oder Einflüsse für diese leichte Veränderung in eurem Sound?
Felix: Da muss ich Dir recht geben. Ich würde das Album nicht unbedingt „poppiger“ nennen (gruseliges Wort), denke aber auch, dass „The Magic Circus“ insgesamt ein wenig wärmer, ja manchmal fast fröhlich klingt. Ich interessiere mich zwar nach wie vor mehr für die dunklen Seiten und Abgründe der menschlichen Seele. Aber ich zitiere tatsächlich nicht mehr in jedem zweiten Song LaVey oder Crowley und es gibt eben auch noch eine andere Welt, in der sich die Leute nicht ständig die Arme mit Rasierklingen aufschneiden ;)
Der Titel „The Magic Circus“ klingt ja durchaus blumig und bietet viel Interpretationsspielraum. Was hat euch an diesem Bild besonders fasziniert und inwiefern lässt sich dies auf die Inhalte des Albums übertragen?
Ich wollte das Album zuerst „Chippewa Lake Park“ nennen. Im ersten Song des Albums geht es um einen Ausflug in einen Vergnügungsspark in Ohio, der nach genau 100 Jahren im Jahre 1978 für immer seine Pforten schloss. Es gab verschiedene Fahrgeschäfte, einen Ballsaal und man konnte mit seiner Liebsten in einem Boot über den See schippern. Nachdem Frank den Titel allerdings immer nur ChippieWippie nannte, war ich mir nicht mehr sicher, ob es ein so guter Albumtitel wäre. „The Magic Circus“ lässt in der Tat sehr viel Interpretationsspielraum und unterstreicht gleichzeitig den Charakter des Albums. Es gibt tatsächlich auch ein Gemälde von Mark Ryden mit diesem Titel und vermutlich haben meine Blythe-, Pupil- und Vintage Susie Sad Eyes-Dolls und verschiedene Designer/Vinyl Toys von Kidrobot, Gary Baseman oder Frank Kozik mich zusätzlich ein bisschen inspiriert.
Das Artwork war ja immer ein sehr wichtiger Bestandteil von 18 Summers. Leider konnte ich dieses noch nicht sehen… könnt ihr schon verraten, in welche Richtung es geht und inwiefern sich dies gegebenenfalls konzeptuell auf die musikalischen Inhalte bezieht?
Nach den ersten Layouts, die noch recht blutig waren habe ich mir überlegt, ob ich nicht auch bezüglich des Artworks ganz neue Wege einschlagen sollte. Es gibt nur ein einziges Foto im ganzen Booklet, auf dem Brüste zu sehen sind hahaha aber so wie man sich selbst im Laufe seines Lebens weiterentwickelt, so wie wir nicht nur einen einzigen Song in verschiedenen Varianten immer wieder neu aufnehmen, so möchte ich auch in der Fotografie Neues ausprobieren und es würde mich langweilen, immer alle Erwartungen zu erfüllen und mich nur auf ausgetretenen Pfaden zu bewegen. Ich bin ja - gerade bei der einen oder anderen CD von Silke Bischoff - oft gefragt worden, warum wir auf der einen Seite solch harmonische Songs machen, bittersüße Melodien, die den Blick eher nach innen führen und warum ich das mit dunklen Texten und blutigen Bildern nackter Mädchen kombiniere. Ich liebe solche Widersprüche und Brüche und das Leben ist eben keine schlichte, glatte Angelegenheit und erst recht nicht ein von einer Werbeagentur entworfenes Konzept. Vielleicht ist „The Magic Circus“ tatsächlich ein Album, bei dem sich Inhalt und Verpackung ziemlich in Einklang befinden.
Das Album selbst habt ihr ein wenig wie eine Radiosendung aufgebaut – auf einem Sender namens „S.A.T.A.N.“. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine Abkürzung aufgrund der Punkte… für was stehen hier die einzelnen Buchstaben?
Ich mag es, wenn die einzelnen Titel eines Albums miteinander verbunden sind. Ich halte uns nicht für eine Single-Band, sondern denke, man sollte unsere Alben komplett anhören, so als wenn man sich auf eine Reise begibt und irgendwann mit neuen Eindrücken wieder zuhause ankommt – selbst wenn jeder Titel auch für sich alleine stehen kann. Mit S.A.T.A.N. ist zwar tatsächlich der Höllenfürst gemeint; da es in dem Song aber darum geht, alleine in seinem Automobil durch die Nacht zu cruisen, schaltet man eben das Radio ein, die Geschichten des Moderators und die Songs, die er spielt helfen gegen die Einsamkeit und jetzt mal ehrlich ... RADIO SATAN ohne Punkte klingt ja schon ziemlich nach Klischee ;)
Felix, beim Song „The Funeral“ drängt sich schon ein wenig der Eindruck auf, dass der Text zumindest teilweise autobiografisch inspiriert ist?
Ich war im letzten Jahr ein paar Wochen im Krankenhaus und man beschäftigt sich dann schon damit, dass die Party irgendwann zu Ende ist. Dann kann man nur zurück schauen und sich fragen, ob man sein Feld bestellt hinterlässt, ob man auch alles getan hat, so lange man eben noch die Möglichkeit dazu hatte. Ich habe mich gefragt, wie meine eigene Beerdigung aussehen könnte, welche Geschichte jemand über mich erzählen könnte und ich fände es tatsächlich ganz witzig, wenn es zu diesem Anlass eben auch einen Stand neben meinem Grab geben würde, an dem man Merch-Artikel kaufen kann, um eine kleine Erinnerung an mich oder zumindest an meine Beerdigung mitnehmen zu können. Der Song endet schließlich mit einem Satz, den man sich auch zu zweit nicht schön reden kann: Am Ende sind wir alle alleine.
Ihr seid ja schon wirklich lange dabei und durchaus eine der Speerspitzen der deutschen Gothic-Szene… wie seht ihr eure Anfänge von 18 Summers/Silke Bischoff heute – könnt ihr euch mit euren früheren Alben noch identifizieren? Und inwiefern könnt ihr beobachten, dass die Szene sich verändert hat?
Natürlich ist es oft so, dass man viele Dinge anders machen würde, wenn man die Gelegenheit dazu hätte. Wenn ich alte Interviews von mir lese denke ich schon ab und zu: “Oh Mann, was für ein ödes Geschwafel.“ Aber ich weiß natürlich, dass mein Leben, meine Sicht der Welt ohne die Erfahrungen, die ich in der Vergangenheit gemacht habe, ganz anders aussehen würde. Und es gibt auch ein paar Dinge, die mir so nicht mehr gelingen würden. Dies gilt sicher auch für einige Songs früherer Alben. Als Speerspitze haben wir uns damals sicher nicht gesehen. Ich kann mich zu gut daran erinnern, wie ich mit einer Kassette und unserem zweiten Song „Small and Tired“ zu DJ Dave nach Stuttgart fuhr und dabei dachte: „Hoffentlich findet er es nicht scheiße.“ Ich war sehr viel in Clubs unterwegs, wir hörten Klinik, Joy Division und Mix-Tapes, die Dave regelmäßig zusammenstellte. Und an den Wochenenden habe ich Mädchen fotografiert oder war mit der Kamera auf Konzerten unterwegs. Es war genau die Welt, in der ich mich zuhause gefühlt habe, die Musik, die ich machen wollte, aber es war uns sicher nicht bewusst, dass wir auf dem Weg waren, eine Art Aushängeschild der Gothic-Szene zu werden. Hättest Du mir zu jener Zeit gesagt, jemand würde eines Tages unsere Songs oder meine Fotos (die schließlich auch Cover und Inhalt des noch jungen Gothic-Magazines zieren sollten) als stilbildend bezeichnen, hätte ich Dich nur komisch angekuckt ;).
In jenen Tagen konnten die Kids ihre Eltern noch schockieren, wenn sie sich wie hübsche Leichen geschminkt und sich düstere Musik angehört haben. Als dann Manuela und Daniel Ruda 2001 ihren Bekannten Frank H. mit 66 Machetenhieben, Messerstichen und Hammerschlägen zerhackten, als Robert Steinhäuser nur ein Jahr später in Erfurt 16 Menschen an seiner Schule erschoss, war es endgültig vorbei mit der schwarzen Unschuld und auch der letzte Redneck-Hinterwäldler war plötzlich davon überzeugt, dass Wumpscut und Slipknot die Posaunen des Jüngsten Gerichts ertönen lassen.
Das ist lange her und seit einigen Jahren erfreuen sich die Leute bei jedem WGT an Bildern fröhlich-bunter Cyber Goths, die so gefährlich aussehen wie tanzende Techno-Mädels, die in neonfarbenen Perücken mit ihren Möpsen wackeln. Aber es ist auch langweilig, immer zu jammern, wie toll früher alles war: Die Goths waren (als man sie noch Grufties nannte) besser gestylt und trotzdem ging es nicht wie heute nur um Äußerlichkeiten; die Musik war weniger flach und hatte mehr Inhalte zu bieten als ein paar Sprachsamples zu stupidem Gestampfe; die Szene hatte noch Ideale, wollte sich bewusst gegen den Mainstream abgrenzen und war noch nicht zum banalen Soundtrack kommerzieller Reality-Shows heruntergekommen blablabla. Man kann versuchen, solchen Entwicklungen Alternativen entgegenzuhalten, indem man seine Wurzeln nicht gänzlich aus den Augen verliert (und zugleich darauf achtet, mit den Begriffen Retro und Vintage nicht in die nächste billige Modetrend-Falle zu tappen). Aber es macht keinen Sinn, nur in der Vergangenheit zu leben.
Sind auch Live-Auftritte oder gar eine Tour geplant?
Wir werden einen Auftritt auf dem Amphi haben und für den September ist eine kleine Tour geplant. Ich weiß aber nicht, was vielleicht sonst noch kommen wird.
Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen und für eure Zeit!

28.01.2012 - 18 Summers – Interview Orkus – Marie-Luise Henke


Orkus: Nach all den Jahren endlich wieder ein musikalisches Release! Deiner Meinung nach längst überfällig?

Felix: Ja, noch mal 10 Jahre zu warten wäre sogar uns ein bisschen zu lange vorgekommen. Wir führen eben auch ein Leben neben der Musik. Manchmal bedauere ich das und wünschte mir, mich nur noch auf das Songwriting und auf die Fotografie konzentrieren zu können, dann wieder sage ich mir, dass ein reines Musikerleben (Neues Album, Tour zum Album und anschließend wieder zurück ins Studio) auch nicht so prickelnd ist. Ich kenne ja Kollegen, die sagen, dass sie sich irgendwann für diesen Beruf entschieden haben und für mich klingt das oftmals ein bisschen deprimierend. Eben so gar nicht nach Herzblut und dem Bedürfnis, sich in Songs und Texten mitzuteilen. Vielleicht ist es also gar nicht so schlecht, sich vom „Leben“ selbst inspirieren zu lassen und auch ganz andere Dinge zu tun.

Orkus: In der Zwischenzeit war es um dich ja auch nie ruhig gewesen. Da du als Photograph sehr aktiv und kreativ bist, kannst du dich über mangelnde Beschäftigung sicher nicht beschweren. Inwieweit beeinflussen sich Musik und Photographie bei dir gegenseitig? Oder siehst du dich als Künstler, dessen Werke unabhängig voneinander für sich sprechen?

Felix: Photographie, Schauspiel, Musik, das Schreiben – all diese Dinge entfalten zwar unabhängig voneinander ihre Wirkung, befruchten sich aber auch gegenseitig. Ob ich eine Foto-Session mit einem Mädel mache, ob ich vor 130 Zuschauern in einem Theaterstück auf der Bühne stehe und einen Nazi oder einen Ganoven spiele (was so ziemlich das gleiche ist) oder vor 5.000 Menschen UNDER YOUR SKIN singe, macht für mich nicht wirklich einen Unterschied. Bildauswahl und Konzeption für ein neues Booklet und das Schreiben der Lyrics sind für mich ebenso wichtig wie das Songwriting selbst. Sicherlich gibt es auch Musiker, die nach Wochen und Monaten im Studio sagen: “Puh, jetzt müssen wir auch noch einen Fototermin für das Album klar machen, wie lästig.“ Für mich gehört das alles zusammen und eines ergänzt das andere.

Orkus: War es für dich in erster Linie wichtig, wieder Statements auf akustischem Wege zu veröffentlichen, oder gar, die „alten“ Fans wieder „wachzurütteln“ aus der derzeitigen (nicht nur gefühlten?) Stagnation innerhalb der Szene?

Felix: Nein, zumindest nicht in erster Linie. Ich bin ja nicht der Heilsbringer, der die Leute auf den rechten Weg oder zum Licht führen will. Natürlich ist es mir auch wichtig, dass es in meinen Texten mehr als nur gefällige Reime zu entdecken gibt und ich gebe sicher auch viel über mich und meine Sicht der Welt preis, wenn ich versuche, meine Ansichten und Empfindungen in Worte, Melodien oder Bilder zu kleiden.

Und was die von Dir erwähnte Stagnation angeht wehre ich mich immer gegen die Ansicht, früher sei alles besser gewesen. Mehr Tiefgang, weniger Äußerlichkeiten (und wenn, dann mit mehr Style). Darüber haben die „Alten“ schon vor 15 Jahren gejammert. Als 1990 Mixed Up von The Cure erschien, ein Doppel-Album mit Single-Remixen, war das für viele der alten Fans Bullshit und Kommerzscheiße. Heute kennen die Jungen oft gar nichts anderes mehr und so richtig schlimm kann ich das nicht finden. Sicher bin ich auch ein konservativer Bewahrer und Erhalter. Aber die Zeiten ändern sich und obwohl ich mit Cyber Goth nicht wirklich etwas anfangen kann und Industrial-Tanzdarbietungen auf YouTube eher ziemlich drollig finde, ist es wichtig, frisch zu bleiben und nicht nur in der Vergangenheit zu leben. Ich denke, dass viele unserer „alten“ Fans vielleicht hören möchten, was wir denn heute so machen, nachdem wir sie in ihrer „wilden“ Jugend eine Zeit lang begleitet haben. Und ich denke, dass auch die Kids mit unseren neuen Songs was anfangen können.

Orkus: Eine wahrscheinlich schon bis zum erbrechen gestellte und ebenso beantwortete Frage: hat sich inzwischen der ganze Rummel um die Namensgebung deiner Formation gelegt? Man bedenke nur das Gerede, welches um Silke Bischoff und anschließend die „Abschwächung“ auf ein passendes Synonym auslöste. Heutzutage scheint zumindest die Jugend auf solche hintergründigen Namensgebungen keinen Wert zu legen beziehungsweise andere Schwerpunkte zu setzen.

Felix: Als ich damals die Band nach der am 18.8.1988 beim „Gladbecker Geiseldrama“ ermordeten 18-jährigen SILKE BISCHOFF benannte, gab es ein ähnliches Theater wie wenige Jahre später bei einer Band namens Rammstein. (Bei einer militärischen Flugschau auf der Ramstein Air Base stürzte im August 1988 eine Maschine während des Kunstflugmanövers „Durchstoßenes Herz“ ab und schlitterte brennend in die Zuschauermenge. 70 Menschen starben; etwa 1.000 Schaulustige wurden zum Teil schwer verletzt.) Die BILD veröffentlichte einen Artikel mit der Headline „Gruftie-Band verhöhnt ermordete Geisel“ und obwohl es mir tatsächlich um eine Hommage an ein Mädchen ging, das beim Zugriff auf den Fluchtwagen der Geiselgangster von einer Kugel tödlich getroffen wurde, waren „makaber und geschmacklos“ noch die freundlichsten Worte, die ich von außerhalb der Szene zu hören bekam.

Inzwischen finde ich es sehr entspannend, nicht in jedem Interview über die Vergangenheit reden zu müssen. 18 SUMMERS sind eine Hommage an die Jugend und ich weiß nicht, ob man so einfach sagen kann, diese würde keinen Wert mehr auf hintergründige Namensgebungen legen. Das sind ja auch keine Blödis und wenn man die Gelegenheit hat, zu erklären, warum man dies oder jenes so oder so macht, warum sollte sich dann jemand mit 18 weniger dafür interessieren als mit 38? So sehr ich vielleicht nicht unbedingt noch einmal so jung sein möchte (allein dieser ganze Liebeskummerscheiß, den man da durchmachen muss ;), so sehr muss man aufpassen, nicht das Funkeln in den Augen zu verlieren. Wer geht denn noch auf die Straße und will sich nicht alles gefallen lassen? Wer ist noch begeisterungsfähig und glaubt daran, die Welt verändern zu können? Es sind meist nicht die Leute, die sagen „Mein Job, mein Haus, mein Auto, meine Frau und meine zwei Kinder.“ Es sind die Kids, die etwas bewegen wollen.

Orkus: Hat sich Deine Herangehensweise in dem langen Zeitraum seit der Veröffentlichung eures letzten Albums verändert? Was ist sonst passiert in dieser langen Schaffenspause und wie hat sich das auf die Produktion des neuen Albums ausgewirkt?

Felix: Ich glaube es würde den Rahmen dieses Interviews sprengen, wenn ich jetzt davon anfangen würde, was in den letzten Jahren alles in meinem Leben passiert ist, was also auch Auswirkungen auf die Songs des neuen Albums hatte. Dadurch dass wir schon vor Jahren damit begonnen haben, an ersten neuen Songs zu arbeiten, gab es immer wieder Verdichtungen, Zeiten, in denen wir sehr intensiv in die Welt von 18 Summers eingetaucht sind, so wie es dann auch wieder Wochen und Monate gab, in denen wir uns mit ganz anderen Dingen beschäftigt haben. So sehr wir uns kaum vorstellen können, jemals damit aufzuhören, Musik zu machen, so unabhängig sind wir auch davon. Wir laufen beide nicht durch die Welt und erzählen jedem, dass wir Musiker einer bekannten Band sind und dass wir schon so und so viele Platten verkauft haben. Wir lernen aus all den Erfahrungen, die wir im Leben machen, wir wachsen an den Schwierigkeiten und Problemen, die wir meistern und überwinden, aber auch an jenen, die uns zur Verzweiflung bringen. So gesehen ist unser neues Album nicht nur das Ergebnis intensiver Studioarbeit, es sind Geschichten, wie sie uns auch die Jahresringe eines Baumes erzählen könnten. Fröhliche Geschichten, über die man auch noch Jahre später lachen kann und traurige Geschichten, die wir trotzdem nicht missen möchten. Und die uns vielleicht weiter gebracht haben, als wir es uns hätten vorstellen können.

18 Summers / Zillo

ZILLO: Nach 10 Jahren ohne Neuveröffentlichung seid ihr aufgeregter, dass es endlich wieder losgeht, als seinerzeit, als jährliche Veröffentlichungen fast schon Routine waren?

FELIX: Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Es fühlt sich vielleicht etwas merkwürdig an, dass das Baby nun endlich schlüpft und sogar schon Snippets im Netz zu hören sind, aber unauffällig aufgeregt ist man vielleicht, kurz bevor es auf die Bühne geht (Was mache ich eigentlich hier? Warum liege ich nicht mit einer Tüte Chips zuhause auf dem Sofa?); bei solch einem Release gibt es zwar viel zu tun, aber erst mal ändert sich ja nichts im Leben.

ZILLO: Wir seid ihr denn nach der langen Pause ans Songwriting gegangen? Haben ihr "Virgin Mary" bewusst noch mal angehört, um daran anschließen zu können?

FELIX: Nein, sicher nicht. Es mag da draußen in der Welt so aussehen, als hätten wir in den letzten Jahren an Minigolf-Meisterschaften teilgenommen oder uns auf Modelleisenbahn-Messen herum getrieben. Aber wir haben schon vor Ewigkeiten begonnen, an den ersten Songs des neuen Albums zu arbeiten. Es gab immer wieder Monate, in denen viel oder auch wenig passiert ist und da wir alle Zeit der Welt hatten, mussten wir nicht ins Studio, um nach einigen Wochen mit einem fertigen Album wieder am Start zu sein.

Und also Sachen hören wir uns ohnehin nicht an, um daran anzuschließen. Wir selbst sind auch nicht in jeder Beziehung die gleichen Menschen wie vor 10 Jahren, haben neue Erfahrungen gemacht, ausgetretene Pfade verlassen und das spiegelt sich auch in einem neuen Album wider. „Nahtlos anknüpfen“ oder „Zurück zu den Wurzeln“ bedeutet immer auch Stagnation oder gar Rückschritt. Wir wollten uns zwar nicht unbedingt neu erfinden, aber man sollte auch den Mut haben, nicht nur darauf zu schielen, was mal bei den Leuten gut angekommen ist, um es genau so noch mal zu probieren.

ZILLO: Entsteht der typische 18-Summers-Sound automatisch, wenn ihr beide zusammen Songs schreibt oder gab es auch viel Ausschussware, die nicht gepasst hat?

FELIX: Es passiert schon, dass ein Song aus verschiedenen Gründen wieder rausfliegt und wir haben immer sehr viele angefangene Sachen rumliegen. Aber viel Ausschussware gibt es nicht. Ich finde es immer toll, wenn andere Bands sagen, dass sie von 40 Titeln schließlich nur ein Dutzend aufs Album genommen haben. Das ist bei uns nicht der Fall. Was den Sound angeht haben wir vielleicht das Glück, dass wir tatsächlich einen ganz eigenen Charakter haben; egal, ob wir nun akustisch oder eher elektronisch unterwegs sind. Auf dem Schubladen-Etikett steht zwar Dark Wave, aber das sagt ja nicht viel über die Musik, die wir tatsächlich machen. Unsere Einflüsse sind mannigfaltig und reichen sogar zurück bis hin zu den komplexen Strukturen des Art- oder Progressive Rock der 70-er, wie er auch bei King Crimson oder den frühen Genesis zu hören war. Ansonsten ist es sicher auch ein großer Vorteil, dass in musikalischer Hinsicht die Chemie zwischen Frank und mir stimmt. So unterschiedlich wir auch sonst sein mögen.

ZILLO: Gibt es ein Schema, wie ihr bei der Komposition eines 18-Summers-Songs vorgeht?

FELIX: Unsere Songs entstehen jedenfalls nicht auf dem Reißbrett. Unsere Arbeitsweise ist eher intuitiv und wenn ich zum ersten Mal eine Gesangsmelodie zu einem Song probiere, kommt diese im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Bauch und nicht aus dem Kopf. Frank kommt mit ein paar Akkorden, mit Strophe, Bridge, Refrain und manchmal passt alles sofort, oft ist das aber noch nicht so gegliedert, wie ich es für den Gesang brauchen kann.
Wenn ein Song dann im Großen und Ganzen steht, kommt schließlich Roman mit ins Boot, der zusätzlich viele eigene Ideen einbringt. Parallel dazu schreibe ich die Lyrics, gibt es doch am Anfang meist nur Aufnahmen mit Blindtext zur Orientierung.

ZILLO: Täusche ich mich oder wurden der Sprechgesang und die Samples ausgeweitet? Eine bewusste Entwicklung?

FELIX: Es war nicht unbedingt geplant, mehr Sprechgesang in die Songs einzubringen. Allerdings gehört das schon seit dem allerersten Song von Silke Bischoff dazu und ich finde es passt auch sehr gut zu dem, was wir machen. Was die Samples angeht haben wir einige, die wir Radiosendungen aus den 40-er Jahren entnommen haben, auf Anraten unseres Verlages in letzter Sekunde wieder entfernt bzw. ersetzt. Das war zwar etwas ärgerlich, aber immer noch besser, als wenn es nach dem Release Stress geben würde. Das braucht kein Mensch.

ZILLO: Was ist denn ein magischer Zirkus? Ist es ein realer Ort oder ein Platz in unserer Fantasie? Womöglich sogar im All, wie es das Outro verheißt?

FELIX: Es muss nicht das All oder überhaupt ein realer Ort sein. Der MAGIC CIRCUS braucht sich nicht einmal außerhalb von uns selbst befinden. Wir möchten den Hörer nur auf eine abwechslungsreiche Reise mitnehmen und wenn er schließlich wie ein Zeitreisender wieder zuhause in seinem Sessel, auf seiner Couch und auch inmitten seiner Alltagsprobleme angekommen ist, darf er sich ruhig ob all der Kuriositäten, die es zu bestaunen gab, verwundert die Augen reiben und denken: Das war ja interessant. Eigentlich möchte ich gleich wieder losziehen und für den Rest meines Lebens mit meinem Eloi-Mädchen zusammenleben ;)

ZILLO: Kann man "The Magic Circus" denn als Konzeptalbum verstehen, in dem Sinne, dass eine durchgehende Geschichte erzählt wird? Im Info ist die Rede von "akustischen Kurzfilmen". Seid ihr musikalische Geschichtenerzähler (im Sinne eines Filmemachers)? Wie viel Persönliches verarbeitest du in den Texten?

FELIX: Die Texte sind zum Teil schon recht autobiographisch und ich denke ohnehin, dass Musik, Film, Fotografie oder auch Schauspiel viele Gemeinsamkeiten haben. Die Songs kann man natürlich auch einzeln hören, aber ich habe uns schon immer eher für eine Album-Band gehalten. Es handelt sich aber weniger um eine durchgehende Geschichte als um eine Stimmung die sich durch das ganze Album zieht. Bei einem Song halte ich es ohnehin für wichtiger, dass die Worte sich passend in die Form der Musik gießen lassen. Wie flüssige Schokolade. Sonst sollte man besser gleich einen Roman schreiben. Ich kann Geschichten also oft nur sehr gekürzt erzählen, manchmal bleiben auch nur Andeutungen, Chiffren, mit denen nicht jeder etwas anfangen kann. Das hat allerdings den Vorteil, dass ein großer Interpretationsspielraum bleibt und jeder seine eigenen Geschichten entdecken kann.

ZILLO: Die Chippewa sind ein amerikanisches Indianervolk. Was führt euch in ihren Park?

FELIX: In dem Song geht es um den CHIPPEWA LAKE AMUSEMENT PARK in Ohio, der nach genau 100 Jahren 1978 für immer seine Pforten schloss und seitdem dem Verfall preisgegeben ist. Es gab eine hölzerne Achterbahn, ein Suppentassen-Karussell, ein Riesenrad und viele weitere Fahrgeschäfte, einen Ballsaal und schließlich auch den See, über den man mit seiner Liebsten in einem Ausflugsboot schippern konnte.

Ich kann heutigen Volksfesten so gar nichts abgewinnen. Oktoberfest, Stuttgarter Wasen, Inselfest in Oberriexingen - solche Veranstaltungen sind erst nach dem dritten Bierkrug erträglich. Im Chippewa Lake Park hätte es mir aber sicherlich gefallen, mit Spazierstock, Strohhut und einem Mädel im Arm, eine Fahrt auf dem See zu unternehmen.

ZILLO: "Perfect harmony is not my cup of tea" singst du in "Dream Machine". Wohin bringt dich die Traummaschine denn idealerweise? Und welche Dame begleitet dich da?

FELIX: Ich wäre schon ein glücklicherer Mensch, wenn ich weniger Alltagskram zu bewältigen hätte. Ich bin gerade dabei umzuziehen und wäre froh, wenn ich das durch eine Traummaschine schon hinter mir hätte. Und was die Damen angeht wäre es sicher nicht nur eine einzige, die mich begleiten würde hahaha. In dem Song geht es darum, dass man oftmals einfach wegrennen möchte, selbst dann, wenn alles perfekt zu sein scheint.

ZILLO: Ich nehme an, "Radio S.A.T.A.N." ist auf der Frequenz 66,6 zu empfangen ... was hören wir denn, wenn wir diesen Sender einstellen?

FELIX: Eigentlich habe ich dabei nur das Bild einer sternenklaren Nacht in einem Cadillac Sedan DeVille vor mir und dazu die ölige Stimme eines Radiomoderators, der einsam in seinem Elfenbeinturm sitzt und seine ebenso einsamen Hörer auf dem Weg ins Niemandsland mit altbackenen Rocksongs davor bewahrt, während der langen Fahrt einzuschlafen. „Line on the mirror“ und „The heat of the snow“ sind nur noch Erinnerungen an die fetteste Party Deines Lebens, an das Glucksen von klarem Wodka auf Eis in einem Tumbler, an Kreditkarten, gerollte Geldscheine und weißem Pulver auf Spiegeln und CD-Trays, an die dichten Rauchschwaden so vieler Tüten, dass man schon abwinkt, wenn die nächste die Runde macht, an die Mädels, die ihre straffen Titten wippen lassen, nachdem sie sich schwuppdiwupp die T-Shirts über den Kopf gezogen haben. Ich selbst kenne solche Partys natürlich nur vom Hörensagen und aus Filmen.

ZILLO: Ich glaube, Satanisten werden doch ein wenig enttäuscht sein, dass sich hinter dem Titel ein durchwegs freundliches Stück verbirgt, in dem sogar Zeilen wie "I Love You So" vorkommen. Gehören ironische Brüche zu eurem Konzept?

FELIX: Unbedingt! Zum einen wollte ich nicht schon wieder ständig Crowley und LaVey zitieren, gibt es eben auch eine Welt, in der sich die Leute nicht die Arme mit Rasierklingen ritzen, während sie das Jammertal der Tränen durchschreiten. Aber davon abgesehen gehören ironische Brüche unbedingt zum Konzept, ja, mehr als das, sie gehören zu meiner Art, mit vielen Dingen umzugehen. Ich kann viele Sachen einfach nicht bierernst nehmen. Am wenigsten mich selbst.

ZILLO: Zwischen "Beautiful Day" und "The Funeral" ist ein weites Stimmungsspektrum zu beobachten. Deckt das Album die komplette Bandbreite der menschlichen Emotionen ab?
Nichtsdestotrotz habe ich den Eindruck, dass der Großteil des Albums sehr positiv, wenn nicht sogar ein wenig fröhlich klingt. Spiegelt dies euer momentanes Lebensgefühl wieder?

FELIX: Das Album klingt tatsächlich etwas wärmer, freundlicher und optimistischer. Vielleicht haben wir tatsächlich ein bisschen unsere Mitte gefunden. Ich bin zwar nach wie vor oft an dem Punkt, an dem ich am liebsten aus meinem Leben flüchten möchte, aber eigentlich gelingt es mir inzwischen recht gut, auch scheinbar negative Dinge im Nachhinein positiv betrachten zu können.


ZILLO: Wenn du nicht "Queen For A Day", sondern "King For A Day" wärst, was würdest du tun?

FELIX: Allen Arschlöchern den Kopf abhacken. Nee, nur Spaß. Ich würde Jus primae noctis, das "Recht der ersten Nacht" wieder einführen, das "Privileg des Grundherrn auf Beiwohnung in der Brautnacht einer Grundhörigen". Und ich würde allen Untertanen kostenlos Tabak, Alkohol und einen Fernsehapparat zur Verfügung stellen. Dann könnte ich sicher für immer König bleiben. Den Regenwald würde ich auch retten.

ZILLO: Am besten gefällt mir das melancholische "Secretly", das aufgrund seiner akustischen Instrumentierung noch einen weiteren Farbtupfer auf dem Album hinterlässt. Wäre eine künftige Ausweitung dieser Richtung vorstellbar oder werden elektronische Klangerzeuger immer unweigerlich Teil von 18 Summers sein?

FELIX: Wir würden gerne ein richtiges Akustik-Album machen und neben bekannteren akustischen Songs wie THE LETTER oder :AJ:NA: wäre es sicher interessant, auch Titel mit dabei zu haben, die es bisher nur im elektronischen Gewand gibt. Am liebsten wäre mir sogar eine richtige Lagerfeuer-Geschichte, wie auf den „Texas Campfire Takes“ von Michelle Shocked. Das wurde am Rande eines Folk-Festivals aufgenommen und man hört echtes Grillengezirpe und ab und zu einen LKW, der irgendwo im Hintergrund auf der Straße vorbei fährt.

ZILLO: Wenn du heutzutage einen Blick auf die Schwarze Szene wirfst, wie bewertest du sie im Gegensatz zu der Zeit eures letzten Studioalbums? Was denkst du, wie wird die Schwarze Szene von heute, in der Image oft wichtiger ist als Substanz, auf "The Magic Circus" reagieren?

FELIX: Das hab ich vor 15 Jahren schon gehört. Die Leute haben sich früher besser geschminkt und hatten trotzdem mehr zu sagen. Aber ich dachte damals schon, dass es müßig ist, nur von den tollen, alten Zeiten zu schwärmen und auch die früheren Waver waren ja ein schwarzbunter Haufen, den man nicht über einen Kamm scheren konnte. Auch damals standen giggelnde 15-jährige Gruft-Prinzessinnen neben springerbestiefelten EMB-lern mit kurz geschorenen Haaren und weiß geschminkte Grufties neben langhaarigen Goth-Rockern in schwarzen Lederhosen mit Nietengürteln. Wenn man bedenkt, dass in einem bestimmten Alter Gruppenzugehörigkeiten auch der Selbstfindung und Abgrenzung dienen, dann hat es schon immer „Mode-Grufties“ gegeben, aber eben auch Leute, die bis heute eng mit der Szene verbunden sind, selbst wenn sie irgendwann geheiratet und Kinder zur Welt gebracht haben. Und durch Social Networks wie z. B. Facebook verschwimmen die Grenzen zwischen den verschiedenen Generationen noch ein bisschen mehr.

ZILLO: Apropos Äußerlichkeiten ... stehen Kornkreise und Kruzifixe in einem Zusammenhang mit dem Album oder sind sie lediglich (modische) Accessoires für die Fotos?

FELIX: Die Kornkreise wollten wir eigentlich tanzen und ich habe jetzt 10 Jahre in einer umgebauten Kirche, umgeben von unzähligen Kruzifixen gelebt, obwohl ich befürchte, dass es deshalb trotzdem keinen Gott gibt. Nichtsdestotrotz habe ich mich schon immer mit religiösen Themen beschäftigt und meinen Plan, mich als Führer einer Sekte zu etablieren, habe ich ja nie aufgegeben. Da muss ich eben manchmal mit Talaren rumlaufen und mit einem Kreuz wedeln.

ZILLO: Was treibt euch nach all den Jahren noch an, ein neues Album zu machen? Ist dir der Applaus und die Anerkennung der Leute wichtig?

Die meisten Menschen möchten geliebt werden, Spuren hinterlassen und etwas erschaffen, das auch nach dem Tode noch Bestand hat. Leider weiß man vorher nicht unbedingt, ob es wirklich Applaus und Anerkennung oder Schuhe regnen wird. Vielleicht reicht es uns einfach nicht, unsere Jobs zu machen und die Abende vor der Glotze zu verbringen.

ZILLO: Ich nehme an, wer sich über 10 Jahre für ein neues Studioalbum Zeit lassen kann, muss nicht von der Musik leben. Was sind eure Ziele in der nächsten Zeit? Ist 18 Summers für euch lediglich ein Hobby oder wird die Band eure Zeit nun weitgehend in Anspruch nehmen?

FELIX: Ich war vor 15 Jahren schon in der Situation, dass ich meinen Job fast hingeschmissen hätte, um nur noch Musik zu machen. Aber wer weiß, was passiert wäre. Vielleicht hätten wir die Leute inzwischen mit jährlichen Veröffentlichungen und ständigen Live-Auftritten zu Tode gelangweilt. Vielleicht wären wir die absoluten Superstars. Vielleicht hätten wir aber auch schon einige Aufenthalte in der Betty Ford-Klinik hinter uns, einen Amoklauf im Finanzamt veranstaltet und ich hätte mich im letzten Dschungelcamp zum Affen gemacht. In der nächsten Zeit wird sicher wieder mehr los sein, Paparazzi, die sich in den Mülltonnen vor dem Haus verstecken, minderjährige Groupies, die sich in mein Schlafzimmer schleichen und sich nackt unter die Bettdecke legen und dann noch all die Einladungen zu lästigen Preisverleihungen. Das wird sicher echt stressig!

Sonic Seducer – Peter Heymann - 26.01.2012
1)     Zwischen den ersten Ankündigungen zum neuen Album und dem tatsächlichen VÖ Termin lag einige Zeit. Wie kam es zu dieser Verzögerung?
 
Felix: Es gab einfach niemanden, der uns in den Arsch getreten hat ;) Die letzten beiden Alben „Phoenix from the Flames“ und „Virgin Mary“ sind noch bei Drakkar erschienen, aber es gab keine weiteren Verträge oder Vereinbarungen, die uns in Zugzwang gebracht hätten.

Viele Labels und Vertriebe sind ohnehin am Jammern und einigen ist es - wie in vielen anderen Branchen auch - nicht gelungen, sich den Veränderungen des Marktes anzupassen. So konnten wir uns mit einer neuen Veröffentlichung alle Zeit der Welt lassen. Darüber hinaus waren wir zudem auch immer in der glücklichen Lage, nicht von der Musik leben zu müssen. Wir mussten also kein Album heraus bringen oder auf Tour gehen, um unsere Miete bezahlen zu können. Allerdings war das alles auch mit dem Nachteil verbunden, dass wir nach Möglichkeiten suchen mussten, eine neue Produktion überhaupt finanzieren zu können.

2) Wie hat sich das nach all den Jahren überhaupt angefühlt, wieder mit 18 Summers zu starten?

Felix: Wir selbst haben es gar nicht so richtig wie einen Neustart wahrgenommen. Da wir mit Unterbrechungen seit einigen Jahren immer wieder an Songs gearbeitet haben, hatten wir nie das Gefühl, 18 Summers sei in weite Ferne gerückt. Es hat sich auch nicht viel geändert. Wir sind auch früher nicht von kreischenden Groupies verfolgt worden, es standen noch nie Stalkerinnen vor unseren Haustüren und auch das ist gleich geblieben: Wenn jemand ein Autogramm will, ist es meist die Kassiererin im Supermarkt oder an der Tanke, die einen Kassenbeleg unterschrieben haben möchte. Schade eigentlich; aber es hat immerhin den Vorteil, dass wir immer auf dem Boden geblieben sind.
 
3)     Felix und Frank, ein Team, das durch dick und dünn ging/geht?

Felix: Es macht sicher einen Unterschied, ob man sich in einer gewachsenen Studioumgebung bewegt oder ob man wie eine ruhelose Biene von Blüte zu Blüte summt, heute hier, morgen da. Das bedeutet zwar nicht, dass Frank und ich mit umgeschnallten Gitarren Hand in Hand nackt über Sommerblumenwiesen tanzen - ich frage mich also schon, warum ich nicht eine gut aussehende, singende Gitarristin/Keyboarderin kenne hahaha - aber es vereinfacht unsere Arbeitsweise. Selbst wenn wir uns 4 Wochen mal gar nicht sehen, kann ich in 20 Minuten zu ihm fahren, um eine Gesangsaufnahme zu machen oder einen Bass einzuspielen.

Wir ziehen zwar nicht mehr unbedingt an jedem Wochenende gemeinsam um die Häuser und seitdem ich als einziges Laster nur noch Zigaretten rauche, mag ich nicht einmal mehr in Kneipen rumhocken, aber ich glaube, wir wissen zum einen, was wir vom anderen erwarten können und trotzdem gelingt es uns auch, uns gegenseitig zu überraschen. Das klingt jetzt ganz schön schwul ;)

 
4)     Roman Schönsee war erneut für die Produktion zuständig. Versteht ihr euch inzwischen blind?

Felix: Kann man sicher so sagen. Wir haben uns vor Ewigkeiten zwar auch gefragt, ob es interessant sein könnte, mit einem anderen Produzenten zusammenzuarbeiten, aber die Ergebnisse einiger Test-Mixe waren so weit von unseren Vorstellungen entfernt, dass wir das schnell wieder aufgegeben haben. Bei den letzten beiden Alben haben wir noch Tage und Wochen bei Roman im Studio verbracht. Heute schicken wir ihm unsere vorproduzierten Songs nach Rotterdam und erhalten sie nach einer ersten Überarbeitung zurück. Meist wird erst dann der richtige Gesang aufgenommen oder es werden Gitarren angepasst und neu eingespielt, bevor wir einen Song wieder aus der Hand geben. Roman ist also inzwischen fast so etwas wie ein drittes Bandmitglied.

5)     Wie aufwendig waren die Aufnahmen zu „The Magic Circus“?
 
Felix: Sehr und gar nicht. Durch unsere jetzige Arbeitsweise und dadurch, dass sich die Aufnahmen doch über einen recht langen Zeitraum verteilt haben, verdichtet sich der Arbeitsprozess immer wieder, um sich dann aber auch wieder zu entspannen. Würden wir mit dem Anspruch in ein Studio gehen, nach 8 Wochen mit einem fertigen Album wieder Tageslicht zu sehen, wäre es sicher anstrengender. Es kann aber auch vorkommen, dass ein Titel irgendwann komplett rausfliegt oder noch mal ganz neu angegangen wird. Jedenfalls sind wir keine Band, die 30 Songs aufnimmt, um dann 1o davon auf ein Album zu packen. Dazu ist der Arbeitsaufwand für jeden Song viel zu intensiv.

6)     Wie entstand die Idee zum neuen Circus-Artwork. Felix Flaucher ohne sexy Mädels, das ist gewöhnungsbedürftig.
 
Felix: Daran musste ich mich auch ein bisschen gewöhnen. In den ersten Layouts zum neuen Album war nicht nur viel nackte Haut zu sehen, die Bilder waren auch recht blutig geraten und eigentlich dachte ich, das sei genau das richtige, weil es die Leute eben auch ein Stück weit erwarten. Ich habe mir dann aber doch überlegt, ob ich nicht was ganz anderes machen sollte. Vor 20 Jahren konnte man die Leute noch damit provozieren, wenn sich ein Mädchen den Lauf einer Mossberg Schrotflinte zwischen die Beine gehalten hat. Inzwischen macht das jeder und ehrlich gesagt macht mich diese ganze Lack-Leder-Gummi-Fetisch-Geschichte manchmal etwas müde. Wenn ich mich recht entsinne habe ich vor Jahren den allerersten Kalender für den Sonic Seducer gemacht und zu jener Zeit war das auch wirklich etwas Neues. Heute machen das alle Magazine und es gibt sehr, sehr viele tolle Fotografen, die in diesem Bereich unterwegs sind. Das muss ich dann nicht auch noch machen. Dafür ist unter anderem ein Foto meiner Mutter im Booklet, auf dem sie auf einer Zither spielt. Da war sie 14 Jahre alt.

Ich finde es viel interessanter, Dinge zu tun, mit denen die Leute nicht rechnen, die nicht gerade en vogue sind und ich hatte sogar kurz überlegt, ob ich nicht das komplette Artwork nur mit Illustrationen und ganz ohne Fotos an den Start bringen sollte. Und das Mädchen auf dem Booklet-Cover, die ein bisschen aussieht wie eine Blythe-Doll und mich an Mark Ryden erinnert finde ich schon ziemlich sexy ;-)


7)     Wie schätzt du die Situation ein, wie euch die schwarze Szene, aus der ihr nun schon eine ganze Weile verschwunden seid, wieder aufnehmen wird?
 
Felix: Da mache ich mir ehrlich gesagt nicht so viele Sorgen. Das sage ich nicht, weil ich uns für so toll und wunderbar halte, sondern weil ich denke, dass die „alten“ Schwarzen vielleicht gespannt darauf sein könnten, was wir denn inzwischen so machen, (nachdem sie sich erst mal gewundert haben, dass es uns noch gibt) und für viele Leute sind wir sicher so was wie alte Bekannte, die sie eine Zeit lang in ihrem Leben begleitet haben.
Und was die jüngeren angeht, glaube ich auch nicht, dass sie uns für „Fremde“ halten werden. Ich glaube das neue Album hat zwar insgesamt eine etwas wärmere, hin und wieder sogar fast fröhliche Grundstimmung, aber selbst wenn ich inzwischen nicht mehr in jedem zweiten Song Aleister Crowley oder Anton Szandor LaVey zitiere, ist es doch nach wie vor so, dass mich mehr die Abgründe, die dunklen Stimmungen interessieren. Dass ein Cyber-Goth nicht unbedingt seine Industrial-Moves zum Besten geben wird, wenn etwas von uns in den Clubs gespielt werden sollte, ist eine ganz andere Sache.

8)     Ist in deinem Leben neben Alltagsjob und Schauspielerei eigentlich noch Zeit für die Musik?
 
Felix: Naja, es war schon immer so, dass wir nicht ausschließlich Musik gemacht haben. Darüber hinaus gab es bisher auch kaum Live-Auftritte, so dass sich Job und Musik bisher immer vertragen haben – wenn es auch nicht immer einfach ist, alle Termine mit Urlaubszeiten abzustimmen.

Allerdings wird es seit drei Jahren wohl in diesem Sommer das erste Mal sein, dass ich bei den Aufführungen des Theaters nicht mit am Start sein werde. Im letzten Jahr waren das insgesamt 14 oder 16 Aufführungen, die ersten Proben beginnen schon im Februar, und im Juni beginnt dann eine sehr intensive Phase und es finden fast an jedem Abend Proben statt. Allein wegen unseres Auftrittes auf dem Amphi wird das in diesem Jahr nicht möglich sein. Und ich kann noch nicht einmal sagen, was sonst noch kommen wird. Wir müssen uns darauf vorbereiten, wir werden dazu Songs des neuen Albums aufbereiten und in diesem Fall hat die Musik allerhöchste Priorität. Das ist dann eben so.

9)     Wie ruhig/aufgeregt bist du schon kurz vor VÖ?
 
Felix: Noch ist alles ruhig. Ich merke zwar, dass es langsam wieder los geht, dass wir inzwischen täglich mit Roman Schönsee, dem Mastering-Studio, unserem Grafiker, dem Management, der Konzertagentur oder eben auch mit SPV und etlichen anderen Leuten in Kontakt stehen, es gilt, die ersten Interviews zu machen ... aber noch sind wir beide recht entspannt ;)

18 SUMMERS // THE GREATEST SHOWING!

Full //
Man darf sich 18 SUMMERS nicht als Projekt fröhlich in die Jahre gekommener Waver mit einem Batzen auf der Bank vorstellen, die nun darauf versessen sind sich noch einmal träumerisch auf Bühnen auszuleben. Dem Oeuvre von Felix Flaucher und Frank Schwer ist in zwei Jahrzehnten kein einziges Stück seiner charismatischen Ausstrahlung abhanden gekommen, und doch laufen sie auf THE MAGIC CIRCUS zu neuer, noch nie erreichter Form auf. Der Name ist auf Albumlänge programmatisch. Eine fesselnde Storytelling-Sammlung von Begeisterung, Besinnung und Fragen nach dem Masterplan zu außergewöhnlicher Musik voller Assoziationen, Kontraste und ironischen Brechungen.
Seit dem 1991er Erstlingswerk THIS IS THE NEW RELIGION galten Felix Flaucher und SILKE BISCHOFF als nicht mehr wegzudenkende Speerspitze von Bands, die im Dunstkreis von Pop und Wave ihre ganz eigenen Vorstellungen elektronischer Musik gepaart mit Seele und atmosphärischen Beats, auf die Tanzflächen brachten. Dank dem Selbstverständnis als Gesamtkunstwerk transportierte er mit Pop-Surrealistischem Artwork die sakrosankte Blaupause für die mediale Ästhetik einer Subkultur, und war auf dem Höhepunkt aus den Media-Contol-Charts sowie der heavy rotation des Musik-TV nicht mehr auszublenden. Mit Furore stellte er 2001 dieses Konzept, unter dem Namen 18 SUMMERS, in neue Zusammenhänge und erweiterte mit Weggefährte Frank Schwer den musikalischen Kontext.
Früh bekam diese authentische Paarung dafür das Prädikat Kult und während ihre Clubhymnen genrebrechend subjektive Teilhabe des Schaffens anderer Künstler wurde, widmeten sie sich statt Panem et Circenses der Kult-ur. Sie lebten ihre Kreativität in Foto- und Hörbüchern, Film, Theater und Produktion aus. Sie saugten stetig neue Inspirationen auf und fanden für sich letztendlich heraus das Musik wohl doch noch kein ausgelaugtes Genre ist. THE MAGIC CIRCUS hört sich, nicht zuletzt dank Producer Roman Schönsee, geradezu hochgradig frisch, relevant und wie ohne jegliche Camouflage an.
18 SUMMERS präsentieren sich selbstbewusst im eigenen Sound des Sehnsuchtspotenzials, dessen Schattierungen heller wurden, und welcher sich die verschiedensten Einflüsse aus Pop und Alternative eingeflochten hat. Jeder Song hat einen anderen Touch, lotet andere Gefühle aus und wirkt inhaltlich wie ein akustischer Kurzfilm voll versteckter Doppeldeutigkeiten. Dieses neue Album verkörpert alle Facetten der Fantasie und zeugt vom meistern jener schwierigen Balance aus Eingängigkeit und Anspruch, die einen glauben macht, man hätte den Soundtrack der Lowbrow-Bewegung gefunden. THE MAGIC CIRCUS ist ihr Memento dass man nicht erwachsen wird, um kein Kind mehr zu sein.
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You might easily think 18 SUMMERS are cheerful aging wavers with a very considerable wad-o-dough by a bank, who are weird enough to would like performed her passion once again on stages. But that's far from the truth. The oeuvre of Felix Flaucher and Frank Schwer hasn't lost any piece of his charismatic radiance and uniqueness over the last two decades, and yet although they accumulate this on THE MAGIC CIRCUS with a branding in a sophisticated utterance never previously obtained. The name is programmatic on whole album length. 18 SUMMERS presents a absorbing storytelling collection of enthusiasm, consciousness and questions about the master plan, accompanied by extraordinary music full of associations, contrasts, a sense of humor and ironic refractions.
Since the publication of her impressive first work THIS IS THE NEW RELIGION in 1991, Felix Flaucher and SILKE BISCHOFF were regarded as indispensable spearhead of dark synthpop bands their publishing contemporary music, based on very own ideas and coupled with spirit and atmospheric beats, for overcrowded dance floors. Thanks to his own synthesis of many individual pieces of pop-surrealistic art, he found an thriving way to convey a sacrosanct blueprint for the visual media impact of a whole subculture and their aesthetic autonomy, and at its climax he was a permanent guest in the charts and music TV stations. The success of the transition for this concept to a new nexus, under the name 18 SUMMERS, was in 2001 the expansion of their musical context with the longtime companion and wayfarer Frank Schwer.
From a very early stage onwards was this authentic fixture to be labeled as cult, and during your club anthems was a part of the creations of other artists in a cross-genre manner they committed themselves of different ways of approaching art rather than panem et circenses. They applied and intense their creativity in photo- and audiobooks, theatre- and studio work. But at the end of a hunt for new inspirations and through new impressions for their artistic work, they found out that music is still a hot topic. THE MAGIC CIRCUS sounds, not least owing to producer Roman Schoensee, very splendid, highly fresh, relevant and without any camouflage.
18 SUMMERS presents themselves and their own sound with the potential of longings, slightly lighter tones in shades, and as a mixture of various origins and influences. Every song has own characteristics, sounding own paradigms and has a kind of an acoustic short movie full of hidden ambiguities. This new album embodies all facets and needs of imagination, and is their evidence to handle musical intensity, expressivity and catchiness to a common denominator, that make us believe we would have found the soundtrack of the lowbrow art movement. THE MAGIC CIRCUS is their admonition that no one is grown up to be no more happy like a child.
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ARTIST: 18 SUMMERS
TITLE: THE MAGIC CIRCUS
FORMAT: ALBUM
AVAILABLE AS: CD | DOWNLOAD
LABEL: SPV
VERLAG: NMMV FZE
CAT-NO.:
RELEASE DATE: Feb 24, 2012
BARCODE:
TRACKLIST:
01 CHIPPEWA LAKE PARK
02 DEEP IN YOUR HEART
03 UNDERWORLD 1
04 DREAM MACHINE
05 THE STRANGE FRUIT
06 BEAUTIFUL DAY
07 RADIO S.A.T.A.N
08 THE MAGIC CIRCUS
09 QUEEN FOR A DAY
10 THE FUNERAL
11 SECTRETLY

12 CUTE KILLER // only on iTUNES

FELIX FLAUCHER: VOCALS | GUITARS | LYRICS
FRANK SCHWER: GUITARS | PROGRAMMING
ROMAN SCHÖNSEE: PRODUCER
KAI BLANKENBERG | SKYLINE TONFABRIK: MASTERING
ROBERT FILIPOVIĆ: ARTWORK

CONTACT: INFO@KICK-MANAGEMENT.DE
WEBPAGE: 18SUMMERS.EU | EIGHTEENSUMMERS.COM

 

Zillo: Acht Jahre Veröffentlichungspause sind eine lange Zeit. War das eine bewusst genommene Auszeit oder war euch gar nicht bewusst, dass es soooo lang war?

Felix: Ich wundere mich auch jedes Jahr. Was, schon wieder Weihnachten? Hey, wachsen da schon Schneeglöckchen, die man übrigens auch Hübsches Februar-Mädchen oder Weiße Jungfrau nennt? Wir haben keinen starren Rhythmus – neues Album, Tour zum Album, zurück ins Studio, um neue Songs aufzunehmen – und deshalb war uns sicher nicht immer bewusst, wie schnell die Zeit vergeht.

Zillo: Was habt ihr denn in dieser Zeit getrieben?

Felix: Wir haben beide Jobs neben der Musik und ich habe mich darüber hinaus einer Theatergruppe hier im Ort angeschlossen. In mittlerweile drei Stücken, also drei Sommer lang, habe ich in jeweils 16 Aufführungen unter anderem einen singenden Conférencier in Frack und Zylinder, der im großen Finale einem süßen Mädchen den Hals durchschneidet, einen Nazi oder auch einen Barden, der das Publikum mit seiner Ovation von Szene zu Szene führt, zum besten gegeben. Das Theater ist dafür bekannt, dass die verschiedenen Szenen eines Stückes jeweils an verschiedenen Orten aufgeführt werden. Da muss das Publikum in Bewegung bleiben. Für diese letzte Rolle habe ich mir sogar einen Bart wachsen lassen und karierte Hillbilly-Redneck-Hemden getragen. Viele der Mitglieder des Ensembles sind Amateurschauspieler, allerdings werden für Regie, Maske und Bühnenausstattung Profis engagiert. Es gibt also sicher einige Leute hier in der Gegend, die mich als Schauspieler kennen, aber nicht einmal wissen, dass ich auch Musik mache.

Zillo: War denn immer klar, dass 18 Summers weiter machen würden oder stand die Zukunft der Band auch mal auf der Kippe?

Felix: Es war immer klar, dass es ein neues 18 Summers-Album geben wird, wobei wir in der heutigen Musiklandschaft nicht sicher sein konnten, ob es überhaupt noch Plattenfirmen geben wird, ob noch CDs gepresst und in die Läden gestellt werden. Aber es bleibt uns nun doch erspart, unsere Abende wie in alten Zeiten damit zu verbringen, CDs in Umschläge zu packen und Autogrammkarten beizulegen.

Zillo: Kannst du einschätzen, wie sich das Faninteresse an 18 Summers durch die Pause verändert hat? Meinst du, ihr könnt unvermittelt an 2002/2003 anschließen?

Felix: Unsere alten Fans sind inzwischen noch älter geworden und haben oftmals selbst Kinder, aber ich denke, wenn man jemanden ein ziemlich langes Stück auf seinem Weg begleitet hat, dann macht es nichts, wenn man sich eine Zeit lang aus den Augen verliert. Und wenn ich auf Facebook unterwegs bin, sehe ich, dass wir auch ständig neue Leute dazu gewinnen. Ich denke schon, dass es nach all der Ruhe ziemlich stürmisch werden könnte.

Zillo: Was hat euch dazu bewogen, zu SPV zu gehen und was erhofft ihr von dieser Kooperation?

Felix: Wir wünschen uns von SPV, dass wir nicht nur eine von vielen Bands in deren Portfolio werden; wir hoffen aber auch, dass SPV eines Tages sagen wird: Zum Glück haben wir mit diesen großartigen Jungs einen Deal gemacht ;)

Zillo: Ihr habt das neue Album mit Roman Schönsee produziert. Wie verlief die Produktion? Über Jahre hinweg oder wurden die Songs erst jüngst ausproduziert?

Felix: Wir haben tatsächlich schon vor einigen Jahren damit begonnen, an neuen Songs zu arbeiten, die meisten Titel sind aber erst in jüngster Zeit entstanden. Da es keine Termine gab, die wir einhalten mussten, konnten wir uns alle Zeit der Welt nehmen. Es gab also auch immer wieder Wochen oder sogar Monate, in denen Frank und ich uns gar nicht über den Weg gelaufen sind.

Zillo: Muss man als Band, deren Musik theoretisch komplett auf dem Rechner entstehen kann, eigentlich noch richtig ins Studio gehen?

Felix: Für bestimmte Musikrichtungen aus dem Techno- und Industrial-Bereich mag es zutreffen, dass man nicht mehr benötigt als einen Rechner, ein Programm wie Logic und ein Keyboard. Aber Vocals und Gitarren werden nach wie vor mit einem Mikro aufgenommen. Und E-Gitarren werden von Frank über einen alten VOX Röhrenverstärker eingespielt. Trotzdem hat sich unsere Arbeitsweise natürlich sehr verändert. Früher haben wir mehrere Wochen im Studio verbracht, um unsere Songs überhaupt erst mal einzuspielen. Und Roman saß wie der Commander eines Raumschiffes an einem riesigen Mischpult. Inzwischen hat Frank sich ein eigenes, kleines Studio eingerichtet, so dass wir unsere vorproduzierten Aufnahmen über einen Server zu Roman nach Rotterdam schicken können, wo sie von ihm bearbeitet werden, bevor er sie uns wieder zur Verfügung stellt.

Zillo: Was können wir an musikalischen Änderungen auf dem neuen Longplayer erwarten?

Felix: Ich finde es immer schwierig, über Songs nur zu reden. Am besten sollte man sich sogar das ganze Album vom Anfang bis zum Ende anhören. Natürlich funktioniert jeder Titel auch einzeln für sich, aber wir möchten den Hörer mit THE MAGIC CIRCUS auf eine Reise einladen, an deren Ende er sich fühlt, als hätte er die Zeit heiter und unbeschwert mit einer süßen, blonden Eloi verbracht und müsse sich jetzt in der mond- und trostlosen Finsternis wieder vor den Morlocks in Acht nehmen. Wir sind also nach wie vor keine fröhliche Bierzelt-Kapelle. Aber vielleicht auch nicht mehr ganz so düster wie auf einigen früheren Alben.

Zillo: Magst du schon einmal ein paar Worte über einzelne neue Songs verlieren und ein paar Titel verraten?

Felix: Das Album beginnt mit einem Intro, um den Hörer darauf einzustimmen, was ihn erwartet und endet mit dem Worten “Welcome back on Planet Earth!“ In “Chippewa Lake Park“, dem ersten Song des Albums geht es um einen Vergnügungspark in Ohio, der von 1878 bis 1978, also genau 100 Jahre lang seine Pforten geöffnet hatte. Es gab eine hölzerne Achterbahn, den Wood Coaster, ein Riesenrad und Fliegende Käfige, um nur einige der Fahrgeschäfte zu nennen und es gab sogar einen Ballsaal und das Miss Chippewa Tourboat mit dem man Ausflugsfahrten auf dem See unternehmen konnte. Es geht in diesem Song aber nur vordergründig um einen Vergnügungspark oder um die vielfältigen Möglichkeiten, sich dort zu amüsieren. Es geht darum, ein wenig der nostalgischen Stimmung einzufangen und die Vergangenheit so lebendig werden zu lassen, als könne man noch immer mit einem Strohhut auf dem Kopf und seinem Mädchen im Arm am Eingangstor stehen, um sich eines der Plakate mit all den Attraktionen zu betrachten.

Allerdings heißt es auch irgendwann im Text “I`m a slave to drink“. Also selbst wenn man frohgemut seinen Spazierstock schwingt und durch das Tor eintritt, auch wenn man sich eigentlich nur auf einen schönen Tag freut, den man gemeinsam mit seiner Liebsten verbringen wird, steht man nicht nur im Licht, sondern immer auch im Schatten.

Zillo: Habt ihr nach dem WGT-Gig wieder Lust auf weitere Live-Aktivitäten bekommen? Ist schon was Konkretes in Planung?

Felix: Unbedingt. Wir waren bisher ziemliche Stubenhocker, und mussten ehrlich gesagt auch zu dem Auftritt auf dem WGT zuerst überredet werden. Aber inzwischen denken wir, wir sollten alles machen, was möglich ist und es gibt sicher keinen besseren Zeitpunkt, auf die Bühne zu gehen, als zum Release eines neuen Albums. Ausruhen können wir uns noch lange genug. Wenn wir unter der Erde liegen. Wir werden auf dem Amphi auftreten, eine kleine Tour ist geplant und mal schauen, was sonst noch passieren wird.

 

KLICK BODYSTYLER INTERVIEW

 

 

Interview mit Felix Flaucher von 18 Summers


DarkAngel: Das Projekt „18 Summers“ besteht hauptsächlich aus Dir und Frank Schwer. Habt ihr eine musikalische Rollenteilung wenn ihr einen Song schreibt? Wie entstehen eure Lieder?

Felix: Das ist inzwischen ganz unterschiedlich. Unsere Wurzeln sind sicher im Songwriting mit Gitarre und Gesang zu finden. Frank hat mir erzählt, er hat so lange Unterricht in klassischer Gitarre gehabt, bis ihm sein Gitarrenlehrer sagte, er könne ihm nichts mehr beibringen. Ich komme eigentlich vom Bass, wenn man mal die Kindergarten-Blockflöte außer Acht lässt und damalige Freundinnen, die ich mit James Taylors „Close your eyes“ in den Schlaf gesungen habe ;-) Inzwischen hat sich Frank ein kleines Studio eingerichtet und nicht immer ist die Gitarre das Instrument, mit dem alles beginnt. Wir können jetzt im Gegensatz zu früher recht vernünftige Vorproduktionen an den Start bringen.

DarkAngel: Gibt es einen Song der Dir am meisten am Herzen liegt? Wenn ja, warum?

Felix: Da gibt es eine ganze Menge. Ich mag viele der akustischen Songs, die wir auch heute noch spielen: The Letter, Frank, AJ:NA, Little Angel, Blue Eyes, aber auch Synthietitel wie The Man on the wooden Cross, Under your Skin, Virgin Mary oder auch
Felix in the Sky. Meist gefallen mir aber doch die Sachen am Besten, die wir gerade frisch am Start haben.


DarkAngel: Was war bisher der Höhepunkt deiner künstlerischen Laufbahn, welches Dein größter Fehler, den du gemacht hast?

Felix: Als Höhepunkt empfinde ich meist das, was gerade aktuell ist. Ein neues Album, ein akustischer Auftritt auf dem WGT, frische images einer aktuellen Foto-Session bzw. das, was daraus entsteht oder auch ein Text, der abgeschlossen ist und hinaus in die Welt kann.
Ich denke immer, meine Höhepunkte sind eher viele kleine Hügel, von denen aus ich über das weite Land schauen kann und weniger die hohen Berge. Vielleicht sieht man dann aber auch mehr, wenn man nicht so weit vom Boden entfernt ist ;-)
Ich habe sicherlich eine Menge Fehler gemacht, und sei es, dass ich manchen Leuten zu sehr vertraut habe, was an meinen blauen Augen liegen mag ;-)
Aber das ist eben Lehrgeld, das man zahlen muss und ich möchte nach wie vor nicht jedes Projekt so angehen, dass sofort Verträge ausgehandelt werden und eine Armee von Anwälten am Start ist.

DarkAngel: Gibt es bestimmte Künstler/Musiker, die Dich bewusst beeinflusst haben?

Felix: Einflüsse von anderen Künstlern sind wohl eher unbewusster Natur und vielleicht auch nicht direkt herauszuhören; ich denke was wir machen hat schon einen ziemlich eigenen Charakter. Letztendlich ist man von allem beeinflusst, was um einen herum vorgeht. Das muss nicht einmal was mit Musik zu tun haben.

DarkAngel: Wie definierst Du Ästhetik, und was bedeutet sie für Dich?


Felix: Jemand hat mal gesagt, meine images hätten eine triggernde Ästhetik. Ich fotografiere meine Porträts meist sehr plakativ, die Person ist das Wesentliche und es ist nicht mein Ding, viel Geschnörksel darum herum zu haben. Burgen, Schlösser, alte Industrieanlagen. Das können andere sicher besser.
Für mich wird es dann interessant, wenn es Brüche gibt, wenn nicht alles so glatt ist, wie wir es jeden Tag im TV zu sehen bekommen. Wenn ich zart-erotische Aufnahmen von einem Mädchen wie Diana mache, wie sie in dem Album Phoenix from the Flames zu sehen sind, dann sieht sie wunderschön und zerbrechlich aus und man bemerkt vielleicht erst auf den zweiten Blick, dass sie Wunden an den Handgelenken trägt. Es ist dieses Einhergehen von Schönheit mit den eher dunklen Seiten unseres Daseins, die mich interessieren.
Ich muss zwar nicht auf Teufel-komm-raus das Blut spritzen lassen, aber fröhliche Mädels, die unbeschwert über sommerliche Blumenwiesen tanzen müssen es nun auch nicht sein ;-)

DarkAngel: Bei all dem was du als Künstler tust und erreicht hast, kannst du jetzt davon leben, oder gehst du wie jeder „normale“ Mensch einem gutbürgerlichen Job nach? Wenn ja, würdest Du Dir wünschen es wäre anders?


Felix: Ich bin schon ziemlich lange Produktioner im Medienbereich, habe also ständig mit Agenturen, Fotografen und Druckereien zu tun. Ich habe mir zwar schon oft gewünscht, allein von der Musik leben zu können - andererseits bin ich aber auch ganz froh darüber, einen Job zu machen, der mich auf dem Boden hält.
Ich kenne genügend Berufsmusikanten, die nichts anderes machen als ins Studio zu gehen, ein neues Album heraus zu bringen, um dann auf Tour zu gehen und so geht das immer weiter und weiter und ich weiß nicht, ob ich damit glücklicher wäre. Wir können es uns leisten, immer frisch an die Geschichte heran zu gehen und wir können uns so viel Zeit lassen wie wir wollen.


DarkAngel: Was hat sich für Dich seit dem letzten Album von „18 Summers“ sowohl in musikalischer als auch persönlicher Hinsicht getan?


Felix: Seit Mitte letzten Jahres sind wir intensiv mit unserem neuen Album beschäftigt, wobei intensiv bei uns bedeutet, dass wir uns überwiegend an den Wochenenden sehen oder auch mal zwei, drei Tage am Stück dran sind.
Ansonsten bin ich mit Mirjam, die sich um die Grafik kümmert in eine kleine Kirche gezogen, wo wir ziemlich zurückgezogen leben. Es reicht mir, ab und zu mal die Nase in die Welt hinaus zu strecken und nach dem Trubel, den ein neues Album verursacht kann ich auch ganz gut damit leben, mich sozusagen wieder im Untergrund zu bewegen ;-)


DarkAngel: Wer ist der Mensch hinter dem Namen Felix Flaucher? Was macht Dich privat zu dem, der Du bist?


Felix: Wenn ich eines Tages mal eine Autobiografie schreiben sollte, kann man vielleicht ein bisschen mehr über den Menschen Felix Flaucher erfahren. Für ein Interview ist das eine etwas zu heftige Frage, um sie in ein paar wenigen Sätzen zu beantworten ;-)


DarkAngel: Wie stehst du zum Thema Religion, ohne hierbei eine bestimmte zu benennen?


Felix: Ich befürchte es gibt keinen Gott, aber ich beneide jeden darum, der aus seinem Glauben Kraft schöpfen kann. Religiöser Fanatismus allerdings ist mir zuwider. Das hat allerdings meiner Ansicht nach aber auch weniger mit Religion als mit einer Verblödung der Massen zu tun. Halte die Leute dumm, schaffe Feindimages und Du kannst sie hervorragend für Deine Ziele benutzen.


DarkAngel: Was denkst Du über Deutschlands Politik?


Felix: Die Rolle eines Politikers scheint mir eher die eines Schauspielers zu sein und Wahlen werden von Werbeagenturen entschieden und nicht von Parteiprogrammen. Darüber mag man jammern, aber auf der anderen Seite überlege ich mir manchmal, in welchem Land ich lieber leben würde als hier in Deutschland und komischerweise fallen mir dann immer nur viele Länder ein, in denen ich auf keinen Fall leben möchte.
Früher war es mir fast peinlich, wenn ich mal nicht zu den Wahlen gegangen bin. So, als hätte man es nicht verdient in einer Demokratie zu leben. Heute gibt es eh keine so großen Unterschiede mehr zwischen den etablierten Parteien …


DarkAngel: Wo siehst Du Dich in zehn Jahren? Hast Du noch unerfüllte Träume?


Felix: Ach, eine ganze Menge. Ich denke nicht, dass ich jetzt schon zurückblicken könnte, um mit dem zufrieden zu sein, was ich erreicht habe auf dem Weg zur Unsterblichkeit. Ich bin noch weit davon entfernt, diesen Planeten erobert zu haben ;-)


DarkAngel: Könntest Du Dir ein Leben als treu sorgenden Familienvater vorstellen?

Felix: Ja. Wenn man das Wort "treu" weg lässt, kann ich mir das schon vorstellen. Ich denke nicht, dass wir für die Monogamie geschaffen sind und mein Leben wäre sicher anders verlaufen, wenn ich schon vor 10 oder 20 Jahren einen Brutling an den Start gebracht hätte. Inzwischen könnte ich mir schon vorstellen, so ein kleines Ding heran zu züchten, gibt es doch auch in meinem Umfeld immer mehr Leute, die mit dem Kinderwagen unterwegs sind, was man früher nie von ihnen erwartet hätte. Außerdem ist das sicher eine gute Möglichkeit, attraktive allein erziehende Mütter kennen zu lernen ;-)


DarkAngel: Du bist dafür bekannt einen sehr ausgefallenen Geschmack zu haben was Einrichtungsgegenstände betrifft. Du sammelst alle Arten von Kruzifixen und auch Kriegsdevotionalien. Warum? Was bedeuten diese Gegenstände für Dich? Hast du eine persönliche Beziehung zu ihnen?

Felix: Nun ja. Zum einen wohnen wir seit Ende letzten Jahres in einer ehemaligen Kirche. Da sollte man auch dem Mann am hölzernen Kreuz einen Platz anbieten. Zum anderen war ich als ehemaliger Ministrant schon immer von römisch-katholischen Kirchen und deren Einrichtung beeindruckt. Kreuze und Marienfiguren sind einerseits natürlich religiöser Kitsch, ermöglichen aber auch eine Rückbesinnung in die Vergangenheit. Ich habe eine Zeit lang alte Möbel restauriert und war schon immer ein Bewahrer und Erhalter, dem es kaum gelingt, sich von alten Gegenständen zu trennen. Was nicht heißt, dass wir nicht auch Möbel von Ikea zuhause haben ;-) Mich interessiert weniger der materielle Wert, als das Wissen darum, dass solche Gegenstände eine eigene Geschichte haben, die sie unverwechselbar macht.
Und wenn ich fotografiere, ist es für mich natürlich sinnvoll, alle möglichen Accessoires bereit zu haben: Priestertalare, Nonnen- und Krankenschwesterkostüme aus Gummi oder auch eine Kalaschnikow AK 47.

DarkAngel: Gibt es konkrete Zukunftspläne für „18 Summers“?


Felix: Wir möchten auf jeden Fall noch in diesem Jahr ein neues Album heraus bringen. Ich mag da nur gar nicht mehr viel darüber reden, weil ich das schon im letzten Jahr gesagt habe ;-) Vermutlich denkt unser Label wir sind schon lange tot und da kommt nichts mehr, haben wir doch bisher noch keinen einzigen Song losgeschickt.
Tatsächlich ist es aber so, dass die Arbeiten inzwischen so weit fortgeschritten sind, dass wir, wie schon bei früheren Produktionen, in ein etwas fetteres Studio gehen können, sind dort doch die Möglichkeiten besser, Gitarren und Gesang richtig aufzunehmen. Wer dann als Producer später noch dazu kommen wird wissen wir noch nicht.
Und vielleicht sind wir dann gegen Ende des Jahres auch wieder live unterwegs. Das finde ich manchmal etwas schade, dass wir da so zäh sind ;-)


DarkAngel: Sagen wir mal aufgrund widriger Umstände wurden Dir die Rechte am Namen „Silke Bischoff“ aberkannt. Wir groß war Deine Verbindung zu diesem Namen, und ist er für Dich gestorben, oder wirst Du weiterhin um die Rechte kämpfen?


Felix: Vor einigen Jahren noch war die Verbindung zu diesem Namen sehr eng, war es doch meine Idee und mein Konzept und ich hätte mir kaum vorstellen können, unter einem anderen Namen weiter zu machen.
In den letzten Jahren allerdings haben an dem Namen Silke Bischoff nur noch Anwälte verdient und inzwischen macht es mir nichts mehr aus, den Namen nicht mehr zu verwenden. Es ist besser, nach vorne zu schauen, statt altem Kram hinterher zu jammern. Ich kann der ganzen Geschichte inzwischen sogar positive Seiten abgewinnen, hat es mir doch gezeigt, dass man sich nicht von einem Namen abhängig machen sollte, so etabliert er auch sein mag. Wenn man eines Tages mal nichts mehr hat als die Erinnerung an vergangene Heldentaten, dann ist die Party vorbei.
Ich könnte mich auch jederzeit von 18 Summers lösen; wenn es sein müsste, könnte ich mich sogar von dem Namen Felix Flaucher trennen und neu beginnen ;-)

DarkAngel: Was kannst Du uns über Dein neues Buch(?) sagen? Worum geht es dabei, und wie kam es zustande?

Felix: Vermutlich meinst Du das Fotobuch UNDER YOUR SKIN, das in Zusammenarbeit mit dem Orkus entstanden ist und einen Querschnitt meiner Arbeiten der letzten 15 Jahre beinhaltet. Es sind images, die zum Teil auf Postern, Postkarten, in CD-Booklets und auf Magazin-Covern erschienen sind, aber auch unveröffentlichtes Material, das in diesem Buch zum ersten Mal in zusammengefasster Form erscheint.Ich bin ganz froh, dass es möglich war, die doch oftmals verstreuten Aufnahmen hier zusammenzufassen und den Leuten sozusagen ein „Best of“ anbieten zu können. Und ich hoffe es dauert nicht erneut 15 Jahre, bis ein weiteres Buch am Start sein wird.
April 2006


Hallo 18 Summers! Danke, dass Ihr euch Zeit genommen habt für das Interview. Fangen wir gleich mal an:
Webmaster: Fangen wir mal ganz von vorne an. Vor 18 Summers gab es Silke Bischoff wie kam es dazu, dass ihr euch 18 Summers genannt habt ?

Felix: Wir mussten uns aus rechtlichen Gründen von dem Namen Silke Bischoff trennen. Außerdem gab es in den letzten Jahren kaum ein Interview, in dem ich nicht einen ganzen Roman zur Entstehung des Bandnamens erzählen musste. Aber inzwischen hätte ich auch kein Problem damit, jedes neue Album unter einem anderen Namen heraus zu bringen. Inzwischen könnte ich mich sogar von meinem eigenen Namen trennen, wenn es sein müsste ;-)

Webmaster: Virgin Mary wurde ja in vielen Läden nicht verkauft, an was lag es und wie wurde dann das Problem behoben.

Felix: Ich wusste nicht einmal, dass man das Album überhaupt irgendwo kaufen kann ;-) Ich erinnere mich, dass es einmal einen Riesenwirbel gab, weil der Staatsschutz das Album Virgin Mary in einer Filiale einer Ladenkette konfisziert hat. Es war in irgendeiner Stadt im Osten, ich glaube Chemnitz. Aber es war dann wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Zumindest habe ich nie mehr etwas von der Geschichte gehört. Ich weiß nicht, ob die da in Trenchcoat, Schlapphut und Sonnenbrille in den Laden marschiert sind und ihre Ausweise gezückt haben. Und ich weiß natürlich auch nicht, ob das irgendwelche Auswirkungen auf andere Läden hatte. Aber zumindest innerhalb dieser Ladenkette sind die Faxe durchs Gebiet gerattert.

Webmaster: Reden wir mal über eure Musik. Wo würdet ihr Sie einordnen, oder hasst ihr Schubladendenken ?

Felix: Es geht gar nicht nur darum, nicht in Schubladen denken zu wollen. Eher um die Schwierigkeit, sehr viel Text auf dem kleinen Etikett einer Schublade unterzukriegen. Wir machen im weitesten Sinne Synthie-Pop, man könnte auch Goth-Pop sagen, spielen aber auch viele akustische Sachen. Und obwohl einige Titel auch in den Clubs gespielt werden, denke ich, wir sind eher harmoniebedürftige Melancholiker mit ein paar Ecken und Kanten ;-) Und ich hoffe, wir haben einen so eigenen Sound, dass wir zumindest eine eigene Schublade bekommen.

Webmaster: Der Song Girls of 18 Summers, reden wir mal über ihn. Von was handelt er und wie ist er entstanden ?

Felix: Es geht um ein Mädchen, das mit 18 Jahren ganz unschuldig in eine finstere Geschichte gerät. Sie wird von zwei üblen Halunken entführt, von einer Horde skrupelloser Reporter verfolgt und nach einer wilden Irrfahrt quer durch Deutschland wird der Wagen von der Polizei gestoppt. Die Geiselnehmer überleben. Das Mädchen stirbt durch eine Kugel.

Webmaster: Ihr seid ja schon ein wenig bekannter. Habt ihr eigentlich dann noch Vorimages ?

Felix: Es gibt sehr viele Leute, die wirklich coole Musik machen. Aber ich würde sie nicht Vorimages nennen. Das klingt, als hätte man jemanden vor Augen, und wäre gerne wie er oder als würden wir jemandem nacheifern wollen. Es gibt sicher Musiker, die wir schätzen und vor denen wir eine Menge Respekt haben. Aber Vorimages haben wir keine.

Webmaster: Ihr hättet das Glück einen Gastsänger für 18 Summers auswählen zu können, sogar Tote könntet ihr erwecken. Wen würdet ihr für Euch singen lassen ?

Felix: Ach, inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, alleine zu singen und mehrere Stimmen übereinander zu legen ;-) Auf unseren letzten beiden Alben ist die Stimme von Kemi Vita zu hören, Sängerin der holländischen Band Dreamside. Ein gemeinsames Projekt kann ich mir mit vielen Leuten vorstellen, da müsste man nicht einmal die Toten zum Leben erwecken. Aber es ist oft schwierig, so etwas dann auch konkret anzugehen. Oft labert man rum. Und dann verläuft die Geschichte im Sande.

Webmaster: Reden wir mal über die Zukunft. Was wollt ihr noch so erreichen?

Felix: Wir machen neben der Musik noch alle möglichen anderen Sachen. Ein Fotobuch ist zurzeit in Vorbereitung und inzwischen schreibe ich auch sehr viel.
Wir sind nicht sehr schnell, was neue Songs angeht, da Frank und ich eben auch ganz normale Jobs haben. Aber wir werden sehen, was die Zukunft bringt.

Webmaster: Wird es in der Zukunft ein neues Album geben oder live Touren ?

Felix: Wir sind dabei, neue Songs zu schreiben. Das kann aber noch etwas dauern. Wir haben es nicht so eilig damit. Bis dahin sind Live Auftritte eher unwahrscheinlich.
Wir waren ohnehin noch nie eine typische Live-Band und haben uns immer mehr in Studios herum gedrückt, als auf den Bühnen dieser Welt ;-)

Webmaster. Zurzeit kommen sehr viele Shows, in denen man den „Superstar“ sucht. Was haltet ihr davon ?

Felix: Manchmal ist das ja sogar ganz amüsant. Aber es ermüdet ein wenig ;-)
Am erstaunlichsten fand ich die Comeback-Show. Da habe ich mich etwas darüber gewundert, dass Leute, die vielleicht vor Jahren mal groß waren, sich jetzt von einer Jury wie Schüler benoten lassen.
Aber ich kann jeden verstehen, der aus finanziellen Gründen Dinge macht, die auf den ersten Blick fragwürdig erscheinen. Wenn Chris Norman jetzt ein Album heraus bringt, bleibt er zwar nach wie vor ein alter Sack, aber immerhin wird er durch diese Comeback-Show einige Leute mehr erreichen. Und darunter sicher auch ein paar Jüngere.
Mit dem Rest kann ich eigentlich nicht viel anfangen. Vielleicht von Kesici mal abgesehen. Der ist nicht ganz so farblos und glatt und seine Songs, zumindest das, was ich kenne, klingen fast ein wenig nach den Beatles.

Webmaster: So, nun gebe ich euch das letzte Wort und bedanke mich mal für das nette Interview.

Felix: Auch dir besten Dank. Vielleicht treffen wir ja noch einmal aufeinander, wenn wir mit unserem neuen Album am Start sind.

glasklinge.com
18summers.com


Bochum am 03.08.2003
Nach dem Auftritt von 18SUMMERS bei Bochum Total 2003 konnte ich mit Felix Flaucher ein Interview führen. Dabei sprachen wir darüber, dass es einen Zeitpunkt in seiner Karriere gab an dem er sich am liebsten die Rübe vom Kopf geschossen hätte, über Satanisten, Menschenfresser, Ritualmorde, WUMPSCUT und die Medien. Alles in allem ein sehr interessantes Gespräch wie ich finde, aber lest selbst!

Burny: Danke, dass Du zu diesem späten Zeitpunkt für dieses Interview Zeit gefunden hast.

Felix: Kein Problem.

Burny: Ich weiß ja, dass ihr schwer im Stress wart. Die Zeit für euren Auftritt war etwas knapp bemessen.

Felix: Er war etwas kürzer als gedacht, wobei ich sagen muss, dass ich damit jetzt kein Problem habe.

Burny: Ihr hättet Euch aber nicht geärgert wenn ihr hättet länger spielen können?

Felix: Keine Frage... Wir haben unser Set im Vorfeld sowieso um zwei Songs gekürzt. Wir haben dann gedacht, wenn das nicht reicht müssen wir noch mal kürzer werden. Die ersten zehn Minuten wurde dann noch am Sound gearbeitet.

Burny: Euer Auftritt kam trotzdem sehr gut an bei Euren Fans!

Felix: Mich hat es sehr gefreut als ich nach dem Konzert Autogramme gegeben habe und unter anderem dort zwei Jungs waren, die gesagt haben, dass sie extra aus Holland nach Bochum gekommen wären um das Konzert zu sehen. Es sei zwar verdammt kurz gewesen, aber es hätte sich für sie gelohnt. Dann denke ich, hat es sich für mich auch gelohnt!

Burny: Auf Eurer Homepage habe ich gesehen dass Du selbst Beiträge verfasst.

Felix: Was ich an unserer Homepage interessant finde ist, dass ich die Möglichkeit habe Newsletter zu schreiben. Also ich mache das jetzt nicht wie zum Beispiel ein Ecki Stieg, der regelmäßig Essays schreibt zu bestimmtem Themen. Sondern bei mir kann auch mal ein paar Monate Funkstille sein, aber dann finde ich es interessant zu allen möglichen Themen was sagen zu können. Von daher finde ich, dass das eine sehr interessante Geschichte ist. Es interessiert mich nicht zu schreiben unser neues Album kommt dann und dann heraus oder wir sind dann und dann live zu sehen. Das ist mir zu Öde, das kann das Label oder ein Promoter machen. Ich finde es interessanter mich mit Sachen zu beschäftigen die mit Musik gar nichts zu tun haben, aber vielleicht mit schwarzer Szene zu tun haben oder mit denen ich zu tun habe.

Burny: Der Anlass weshalb ich auf diese Thema zu sprechen komme ist, weil du in allen Einzelheiten beschrieben hast wie der "Kannibale von Hessen" sein über das Internet kennen gelerntes Opfer zugerichtet und verspeist hat! Ich habe gesehen, dass du sehr tief gehende Informationen zu diesem Thema hattest und das sehr detailliert beschrieben hast.

Felix: Ja. Der Hauptauslöser war, dass ich in der letzten Woche einen Artikel im Stern gesehen habe, wo dieser "Armin Meiwes" auf dem Cover zu sehen war. Jetzt möchte ich nicht immer die moralische Rute schwingen und ich denke auch "Gut es ist in Ordnung", wir leben in einer Foto- beziehungsweise Digitalen Zeit und es gibt nichts was Du machen kannst. Es gibt im Gegensatz zu früher inzwischen auch kaum Mörder, die das nicht filmen was sie machen. Trotzdem fand ich es ein bisschen merkwürdig und ich hab jetzt im Nachhinein auch Reaktionen gelesen von anderen Leuten die meinen Newsletter gar nicht mal kennen. Also die oben genannte detaillierte Beschreibung kannst du auf 15 Seiten im Stern nachlesen. Der Newsletter wurde noch um ein paar andere aktuelle Geschichten ergänzt: Woodstage Rückblick, eine Dieter Bohlen Geschichte und eine Auflistung Täter Opfer von Serien Mördern. Womit ich mich auch beschäftige, was aber in keinem direkten Zusammenhang zu Meiwes steht, was sich vom Thema her aber angeboten hat. Es gab einen, ich glaub Thomas Karches, hab ich gelesen, der noch am gleichen Tag des Erscheinens Beschwerde beim Presserat angemeldet hat beziehungsweise Anzeige erstatt hat. Der hat eben auch argumentiert, dass gewisse Filme oder gewisse Darstellungen verboten sind oder eben erst ab einem gewissen Alter erlaubt und dann geht eine Geschichte so ins Detail und kommt so derb daher in einem Magazin was jeder überall kaufen kann!
Ich muss sagen ich lese den Stern nicht mehr und ich will jetzt auch nicht das große Fass aufmachen, aber ich muss sagen ich habe einen kurzen Moment gedacht „kannst Du den Newsletter so rausschicken?“.

Burny: Beim ersten lesen dachte ich mir, dass die ganze Sache etwas strange ist!
Aber das, was die Menschen heute noch interessiert sind die abstoßenden Sachen.

Felix: Die bizarren, die ekeligen Sachen. Ja. Die Angst, die man vor sich selbst, vor seiner dunklen Seite vielleicht hat.

Burny: Du hast die Täter und die Opfer beim Namen genannt das ist auch noch ein Tabu in der Gesellschaft.

Felix: Ich habe überlegt, ob ich zu sehr auf dem Thema "Silke xxx" rumreite. Wobei ich denke, dass es einer der wenigen Fälle ist, wo das Opfer bekannter als die Täter ist! Wo die zwei Jungs (ich sag die Namen jetzt extra nicht) nicht so „populär“ sind wie das Opfer! In der Regel ist es anders rum. Und in der Regel kennst Du Namen wie zum Beispiel Jeffrey Dahmer, aber Du kennst nicht die Namen der Opfer. Einfach weil das bizarrer ist, weil die was zu erzählen haben.
Das finde eigentlich ich ein bisschen schräg und das ist auch nicht ganz richtig und nicht ganz fair. Das war ein bisschen der Aufhänger, weil ich mich mit dem Themen schon seit längerem beschäftige, bevor ich dieses Stern Cover gesehen habe und diesen Artikel dazu gelesen habe.
Für mich hat es gepasst, darüber etwas zu sagen. Kannibalismus ist ja so ein eigenes sehr schräges Thema.
Wenn ich nur an Witten denke und den Mord der Rudas, die ja auch ohne nachvollziehbaren Grund einen Arbeitkollegen gekillt haben. Das hat ja damals einen immensen Wirbel innerhalb der schwarzen Szene verursacht, weil die natürlich aussahen wie die Ober-Gothics und mit Satanisten Kram daherkamen!
Ich hab auch Lavey gelesen und lese Crowley, aber ich haue niemanden die Rübe runter. Ich kompensiere das vielleicht eher in Songtexten oder so was.
So ein bisschen hab ich gedacht, wenn dieser Armin Meiwes ein bisschen anderes unterwegs gewesen wäre oder wie ein Goth ausgesehen hätte, hätte das wieder ein riesen Spektakel gegeben.
Es ist ja so, wenn jemand sagt, dass er täglich in der Bibel liest und sticht dann jemandem ein Messer in den Hals, dann wirst du niemals jemanden sagen hören, dass Religion gefährlich ist oder "Lies nicht in der Bibel, die sind alle scheiße drauf!". Wenn so was innerhalb der Schwarzen Szene passiert, ist es natürlich, weil es ein Klischee ist und weil es sich anbietet. Dann geht es sofort los. Und das war so ein bisschen der Grund, warum ich am Schluss von diesem letzten Newsletter zum Thema Armin Meiwes geschrieben habe, dass wir eigentlich froh sein können das er keinen Bezug zur Schwarzen Szene hat. Sonst wäre die Bild Zeitung und auch alle anderen Magazine wieder voll davon gewesen. Bands würden Statements geben, inklusive mir. Aber ich fand es passte schon zum Thema insgesamt. Es geht mir jetzt nicht allein darum zu provozieren oder mit derben Dingen unterwegs zu sein, aber ich denke im künstlerischen Bereich überhaupt, oder auch in der Art wie man mit Medien umgeht oder wie man von Medien zugebombt wird, das ist unter Umständen eine andere Geschichte als wie in einem Job, den ich mache oder den Zwängen denen ich unterworfen bin. Und ich denke mir, ich habe in diesem Newslettern, Songs und Fotos die ich mache, eine Möglichkeit gewisse Dinge auszuleben, die ich in meinem "normalen" Leben nicht mache. Ich töte keine Mädchen, aber es ist ein Thema womit man doch konfrontiert wird oder womit man zu tun hat und auch mir erscheint eine gewisse Darstellung in den Medien manchmal fragwürdig.

Ich will jetzt nicht wieder auf diesem alten Ding mit Silke xxx rumreiten aber, dass sie eigentlich letztendlich hopps ging lag auch mit an den Medien, weil hier zwei Typen zu Super Stars gemacht worden sind die gar nicht mehr die Möglichkeit gehabt haben zu sagen „okay wir hören auf. Das war’s." Sondern die ihr Ding durchziehen mussten einfach, weil die Kameras auf sie gerichtet waren und weil du dann einfach dein Ding durchziehen musst. Das ist halt dann ein Thema, mit dem ich mich beschäftige weil ich jobmäßig auch in der Medienbranche unterwegs bin und mir so ein bisschen Kritik herausnehme!

Burny: Wenn man drüber nachdenkt könnte man zum Schluss kommen, dass die Polizei durch den gewaltsamen Zugriff Mitschuld am Tod von Silke xxxx trägt.

Felix: Ja, der Wagen war durchsiebt. Und ich meine, es gab ja ewig lange noch Diskussionen, ob es eine Polizeikugel war, die Silke xxx getötet hat. Im Nachhinein wird man es nicht mehr feststellen können aber wenn so eine Diskussion schon aufkommt, dann ist schon die Kacke am Dampfen.
Das Ganze geht ja immer weiter. Nimm zum Beispiel USA-Irak Krieg. Früher war zum Beispiel immer der böse Feind derjenige, der Gräuel-Propaganda gemacht hat. Inzwischen werden Kriege nur mit Propaganda gemacht. Und zwar auf allen Seiten.

Burny: Wake the Dog-Syndrom...

Felix: Ja genau. So ist das und so funktioniert das heute. Da habe ich manchmal Angst, wenn ich nur eine gewitterbedingte Störung im Fernsehen habe - und ich will jetzt nicht paranoid wirken oder Verfolgungswahn haben oder mit einer Illuminaten Geschichte kommen - aber da denke ich vielleicht ist das geplant?! Und vielleicht kommen jetzt irgendwelche Meldungen, die du noch nicht so einordnen kannst, die du aber erst mal wie Vieh frisst, weil das Dein Gott ist. Was du dort drin hörst das ist die Wahrheit. Und so ist die Welt heute.
Wie gesagt, ich bin nicht paranoid oder so was aber das beunruhigt mich manchmal etwas, dass es nichts mehr gibt, dem man eigentlich wirklich trauen kann!

Burny: In England ist diese Manipulation durch Fehlinformationen nach dem Tod des Wissenschaftlers Kelly ja offensichtlich geworden.

Felix: Ja. Das Einzige was nicht so ganz ins Bild passt und was mich wundert, sind die ganzen Steuererhöhungen. Eigentlich sollten die Alkoholsteuer, Zigarettensteuer und die TV-Gebühren gesenkt werden, dann kann man die Leute wie Vieh zuhause halten und sie sind zufrieden. Keiner geht auf die Strasse und sagt was.

Burny: Wer pflegt eure Homepage? Welche Aufgaben machst du dort?

Felix: Doc Endraum betreut die Seite und wir haben unseren Webmaster Stefan K., der die Programmiergeschichten macht. Ansonsten sitze ich jeden Abend zwei, drei, vier Stunden vor dem Rechner und arbeite mit dem Mailprogramm und schreibe zum Beispiel das Diary oder Texte. Die technische Seite überlasse ich dann den anderen.

Burny:. Du übst noch deinen Beruf in der Medienbranche aus. Wie macht ihr das organisatorisch? Nimmst Du Dir dann Urlaub wenn ihr Konzerte gebt?

Felix: Ja.

Burny: Ist das nicht manchmal etwas stressig?

Felix: Es geht, weil es bist jetzt nicht so viele gewesen sind. Also wir haben diese Woodstage Geschichte gemacht und jetzt das hier in Bochum. Es ist ein bisschen unglücklich gelaufen, weil wir uns sehr auf diese Live-Sachen vorbereitet haben, im Grunde das Booking der Festivals aber schon stand und ich nicht schon zum Jahreswechsel sagen wollte "Agentur check mal was geht" sondern ich wollte erst mal selber sehen was geht.
Und dann hab ich dann gemerkt es funktioniert, wir können das machen, wir sind gar nicht so nur die Studiohocker. Wir können auch eine gewisse Emotion erzeugen und wir sind keine "härter schneller lauter" Band, aber wir können unter Umständen eine Empfindung transportieren. Im Grunde stand das Booking und deswegen gibt es überhaupt noch weitere Konzerte in diesem Jahr. Ich denke, wir sind auch nicht die Riesenband, die 500.000 Alben verkauft. Deswegen kann ich nicht mal einschätzen wie viele Leute auf eine Tour kommen würden.
Deshalb ist die Frage, wie wir das noch ein bisschen frisch halten, warm halten, ergänzen können, parallel aber noch an neuem Material arbeiten. Was immer irgendwie läuft ist, dass ich was an Texten mache, dass man irgendwelche Aufnahmen macht. Dass man jetzt sagt: „Wir gehen jetzt drei Monate ins Studio und kommen dann mit einem fertigen Album raus“, das gab es bei uns noch nie. Das entwickelt sich nebenbei während der ganzen Zeit. Das ist praktisch keine hauptberufliche Geschichte.
Das ist auch die Geschichte die eigentlich Spaß macht. Als Musiker hast du immer mit Labels, Promotern und so weiter zu tun. Das ist zwar alles sehr schön und nett aber im Grunde ist das eine andere Welt. Was mich dazu bewogen hat Musik zu machen ist das eigentliche Songwriting und da reicht mir eine einfache Akustik-Gitarre von Frank oder ich klimpere ein bisschen was und mache eine Gesangs Melodie dazu und das ist das, was die Wurzel oder den Ursprung von dem was wir machen ausmacht. Wenn es nachher im Studio mit Synthies umgesetzt wird ist es dann noch mal eine andere Geschichte und auch sehr schön aber es ist was anderes als dieses ursprüngliche Song-writing.

Burny: Viele Bands machen Musik nur noch mit dem Gedanken daran, was sich am besten verkaufen ließe.

Felix: Ja gut in der Situation sind wir noch nicht. Also ich weiß nicht, um ganz ehrlich zu sein ich weiß nicht wie sehr ich zur Hure werden könnte wenn mir jemand sagen würde "Ey Alter mach das und das und hier ist die Kohle“, aber da die Situation nicht vorhanden ist und da wir seit Jahren das machen, was wir machen wollen, ohne eben nur danach zu kucken, was gut ankommen könnte, was schwarz genug wäre und so weiter... Von daher sind wir da sehr unabhängig und auch unser Label Drakkar redet uns da nirgendwo rein. Im Prinzip nehmen die was wir machen und es funktioniert oder funktioniert nicht.

Burny: Ich habe gelesen, das dass Euer Produzent das letzte Album maßgeblichen beeinflusst hat.

Felix: Ja das hat er.

Burny: Hast du vor bei eurem nächsten Album selbst mehr Einfluss zu nehmen?

Felix: Nein gar nicht. Ich sehe mich nicht unbedingt als Techniker.

Burny: Wie sehr hat es dich geärgert, dass du den Namen SILKE xxx nicht weiter nutzen konntest? Da du ja einen Rechtsstreit vermeiden wolltest habt ihr euch darauf geeinigt jetzt als 18 SUMMERS aufzutreten.

Felix: Mehr als man sich überhaupt vorstellen kann. Ich will jetzt auch nichts kommentieren was Verhandlungen und Urteile angeht, aber es hat sich letztendlich in meinen Augen auf eine GBR-Geschichte reduziert. Um jetzt nur kurz einen Satz dazu zu sagen: Es geht bei der Sache nicht darum, ob das meine Idee war, ob ich eine Patentanmeldung habe, ob ich es mit Inhalt erfüllt habe. Es geht darum das 1990 oder irgendwann Kassetten raus gekommen sind, dadurch automatisch eine GBR entstand und ehemalige Mitmusiker von mir Rechte an dem Namen haben. Diese Kröte muss ich fressen. Daran kann man nichts ändern. Einerseits ist das sehr ärgerlich, andererseits sage ich mir auch: wenn morgen eine ähnliche Situation auftreten würde, würde ich den Namen 18SUMMERS sofort kicken und was neues machen. Klar war ich zehn Jahre mit dem Namen verbunden und es war mein Baby. Ein paar Wochen konnte ich mir gar nicht vorstellen unter einen andern Namen was zu machen!

Burny: Wie gehst du dann damit um? Springst Du wie Rumpelstilzchen durch die Bude? Oder gehst du in die Boxbude und prügelst auf einen Sandsack ein?

Felix: Nö, ich sitze dann so ein bisschen da und überlege, ob ich mir die Rübe vom Körper runter knallen soll. Nein, ehrlich, es ist schon ein bisschen bitter gewesen, aber ab irgend einen Punkt musst du dir sagen: "Okay, jetzt ist gut und was soll’s, du kannst jetzt noch zehn Jahre weiter machen“. Nur das einzig Doofe ist jetzt manchmal, dass ich darüber nachdenke, ob das gesamte Leben so ist. Muss ich jetzt immer um so einen Scheiß kämpfen? Läuft nie irgendetwas glatt?
Also jedenfalls ich hab mich irgendwann von dem Ding trennen müssen und es war die einzige Möglichkeit um zu mindestens einen Schnitt zu machen. Inzwischen könnte ich mir auch vorstellen etwas unter einem weiteren Namen oder sogar unter meinem Namen zu machen. Das Wichtigste ist für mich einfach, dass die Geschichte nicht stirbt. So abhängig bin ich von einem Namen jetzt auch nicht, auch wenn es so was wie Dein Baby ist. Dann machst du eben weiter. Solange ich noch die Möglichkeit habe und nicht denke, dass ich die besten Songs schon geschrieben habe, die besten Fotos schon geschossen habe und, alles was jetzt kommt ist nur ein Abklatsch. Solange das nicht passiert - dann nennen wir uns eben 15Winters, dann ist es eben nicht so dramatisch.

Burny: Man sieht ja auch an euren treuen Fans das ihnen im Prinzip egal ist, wie ihr heißt. Wichtig ist nur, dass der Inhalt der gleiche bleibt.

Felix: Da bin ich auch recht froh drüber. Das, was wir machen ich eigentlich ein bisschen riskant. Ich fand es sehr interessant, dass nach dem WoodStage in Glauchau zwei bis drei Typen zu mir kamen, die gesagt haben, dass sie geheult haben. So muss das sein! Also ich will nicht, dass jetzt alle flennen, aber ich will Emotionen vermitteln. Ich hab auch nichts gegen den, der jetzt unseren Song anhört und denkt "och ist ganz nett". Ich muss jetzt nicht auf biegen und brechen irgendwo eine Botschaft reinbrezeln, aber es ist ganz interessant, wenn jemand uns eben anfangs nur ein bisschen interessant findet dann irgendwie ein Stück Text hört oder ein Foto sieht und dann herausfindet, dass da noch ein bisschen mehr dahinter steckt. Ich sehe mich in erster Linie als etwas in Richtung Gesamtkonzept. Das klingt jetzt wieder nach Werbeagentur, aber so ist es gar nicht gemeint. Ich sehe mich nicht als Felix Flaucher der Fotograf, Felix Flaucher der Sänger sondern ich sehe das alles eben als eine gesamte Geschichte.

Burny: Du schlüpfst als Felix von 18SUMMERS aber ganz gerne in die Rolle des Bösen!

Felix: Eben und das kann ich zum Beispiel im Job nicht. Für mich sind die Musik, Fotos, Texte oder was ich schreibe ein Ausgleich zum Leben, wo du doch gewissen Zwänge unterworfen bist. Jeder von uns. Außer du bist ein Freak und alles ist egal und du lebst von was weiß ich was. Aber du hast gewisse Zwänge und du musst dich gewissen Dingen unterordnen. Du hast einen Chef, der dir sogar gegebenenfalls die Rübe runterreißt. Das ist für mich die Gelegenheit einen Ausgleich zu haben und das zu machen, was ich selber eben will. Und so ist das eben alles Entstanden letztendlich.

Burny: Was würdest Du eigentlich machen, wenn morgen jemand einen Ritualmord begehen würde und auf den Boden mit Blut 18SUMMERS schreiben würde?

Felix: Ich würde mit Miri bei uns zu Hause sitzen und würde sagen "Ach Du Scheiße!". Ganz klar!

Burny: Rudi von WUMPSCUT zum Beispiel hat aus der Not eine Tugend gemacht und noch finanziellen Gewinn aus der Ruda-Geschichte geschöpft.

Felix: Ich mag WUMPSCUT sehr. Ich kenne Rudi Ratzinger jetzt nicht persönlich, aber es war schon ein mutiges Ding daraus einen Song zu machen. Wobei ich es wahrscheinlich auch so gemacht hätte, wenn ich musikalisch so unterwegs wäre wie er. Die Art wie er Musik macht - da bietet sich natürlich an. Aber es war schon sehr mutig, weil ihn das noch mehr unter Beschuss gesetzt hat.

Burny: Sicher, er hätte machen können, was er wollte. Die Boulevard Presse hätte ihn sowie so in eine bestimmte Ecke gedrängt.

Felix: Ja, und nicht nur in diese Ecke. Ich habe auch neulich gelesen, dass er einen Song geschrieben hat, wo er auch ein bisschen gekotzt hat, dass er so in eine Ecke gestellt wird. (Anm. d. Red.: Zusammenarbeit mit dem Blutharsch)

Burny: Er boykottiert jetzt nach dem offenen Brief die Zusammenarbeit mit dem Sonic Seducer.

Felix: Wie gesagt ich kenne ihn nicht persönlich, aber ich schätze das sehr, was er macht. Ich kann aber auch nicht beurteilen, was da für Sachen laufen. Ich hab sehr viel Verständnis für Provokation aber ich kann die Geschichte nicht wirklich einschätzen.
Ich kann es einschätzen, wenn bei uns jemand was sagt, wenn ich auf Fotos Uniform trage oder wenn wir einen Song machen, der sich "Sensation White" nennt.

Da hat sogar unser Producer John Fryer was gesagt. Wir sind raus ins Studio gefahren und Roman und John haben an dem Material gearbeitet. Dann sagte Roman zu mir "Du, John hat ein Problem mit "Sensation White"“. Ich habe ihn gefragt warum und er meinte dann, dass ihm das zu rechts klingen würde. Ich hab dann zu ihm gemeint: „John ist das dein Ernst?
Findest du das irgendwie rechts?“ Ich bin ja alles, aber was ich nicht bin ist rechts. Und ja, dann hat er mir irgendwas von einer Organisation erzählt, die es in England gibt, die sich irgendwas mit White..., keine Ahnung was, nennt.

Burny: Vielen Dank für das Interview.

http://www.gothicparadise.de/

INTIE • SENSUAL

BIBA: Zunächst einmal natürlich – wie ist Felix Flaucher zur Fotografie gekommen? Seit wann fotografierst Du und wann hast Du diese Leidenschaft (wenn es denn eine ist) für Dich selbst erkannt?

F: Ich habe sehr früh angefangen, erste images zu machen. Billige Kamera, billiges Leben, nichts Besonderes und ich hatte keinerlei Ambitionen, mehr zu schaffen, als für mich selbst Augenblicke in meinem Leben festzuhalten, die sonst vielleicht für immer verloren wären. So wie man vielleicht ein Tagebuch schreibt. Selbstportraits, images meiner Freundinnen. Und eigentlich dachte ich immer, dass ich gar nicht so alt werde, dass ich noch was davon mitbekommen könnte ;-)
Irgendwann habe ich erste Mädchenfotos gemacht. Ich war damals mit Hilde Yen zusammen, große Liebe, und sie wurde das Cover-Girl der ersten CD.
Inzwischen verlieren wir uns in großen Abständen immer mehr aus den Augen.

Die Band vor 18 Summers hatte einen Mädchennamen und so war es natürlich mehr als passend, Mädelz in Anzeigen, auf Plakaten und in Booklets der CDs zu zeigen.

BIBA: Betrachten wir Deine Fotos kann man ohne mit der Wimper zu zucken davon sprechen, dass Du vielen Fotografen eines voraus hast – einen eigenen unverwechselbaren Stil. Wann hast Du diesen Stil für Dich entdeckt und wie bist du auf diese „eigene fotografische Sprache“ gestoßen?

F: Vermutlich kann sich so etwas nur entwickeln, wenn man keinen Zwängen unterworfen ist. Ich habe eigentlich immer nur Fotos für meine eigene Band gemacht, musste also nie irgendwelche Aufträge annehmen und Jobs machen, die mir nicht liegen.
Und wenn ich Fotos mit anderen Bands mache, dann weil sie Fotos möchten, die eben so aussehen, wie das, was ich mache ;-)
Im Mittelpunkt steht immer nur das Model. Oder eben auch die zwei oder drei Leute einer Band. Es geht mir um den einen kurzen Augenblick, den es so nie wieder geben wird. Und eine besondere Wirkung entsteht zusätzlich dadurch, dass ich mit Cross-Entwicklung arbeite. Das ist jetzt hier in s/w vielleicht nicht so deutlich zu sehen, aber es gibt den imagesn einen ganz eigenen, kühlen Charakter.

BIBA: Wie entstehen Deine Fotografien? Planst Du Deine Sessions, bzw. weißt Du bereits immer vor einem Shooting, was Du erreichen möchtest, oder lebst Du eher eine Philosophie des spontanen Situationserlebens, die sich dann als fotografisches Bild manifestiert? Wovon leben Deine Fotografien?

F: Ich mache nie große Pläne. Eigentlich hängt alles davon ab, ob es gelingt auf ein oder zwei von 10 Filmen eine Atmosphäre zu erschaffen, in der sich nicht einmal das Model wieder erkennt, wenn die Kontaktabzüge da sind. Das funktioniert nicht immer, man kann es auch nicht erzwingen, aber wenn es gelingt, ist es etwas Magisches. Ich brauche auch nicht viel Schnick-Schnack. Ich muss nicht zu irgendwelchen Burgen oder Schlössern fahren.
Meine images leben von der Person, die vor der Kamera steht, sitzt oder liegt.
Und am Liebsten sind mir Leute, die noch nie vor einer Kamera standen.

Alle Models werden vor dem eigentlichen Shooting geschminkt, eventuell mit Klamotten und Accessoires ausstaffiert, wobei es meist besser ist, die Leute bringen ihre eigenen Sachen mit, in denen sie sich auch wohl fühlen.
Mirjam Kremer arbeitet eigentlich in einer Werbeagentur, macht Illustrationen und Layouts, ist aber auch meine Visagistin, die alle Models schminkt und anschließend die images retuschiert.
Nur arg blutige Sachen mache ich selbst ;-)

BIBA: Aus anderen Interviews heraus haben wir erfahren können, dass Du im Grunde kein Freund von Auftragsfotografie bist. Könnte man demnach sagen, dahinter verbirgt sich bei Dir eher eine Leidenschaft, möglicherweise sogar eine Sucht, immer wieder neue visuelle Ausdrucksformen zu finden, die Dich selbst befriedigen, fast einer Suche ähnelnd, oder vielleicht doch eher der Drang, neben der Musik auch über die Fotografie „Botschaften“ zu übermitteln? Was genau bewegt und animiert Dich, immer wieder erneut zur Kamera zu greifen?

F: Hey – eure Fragen sind ja die besseren Antworten ;-)

Es ist ganz einfach. Ich habe keinen Fotoladen mit Hochzeitsimagesn im Schaukasten. Und Du wirst niemals irgendwo eine Anzeige von mir finden.

Ich fotografiere vielleicht aus dem gleichen Motiv, das mich auch antreibt, Songs zu machen, Texte zu schreiben. Ich bin zwar kein Prediger, aber ich muss meine Sicht der Welt zum Ausdruck zu bringen. So gesehen ist das mit der Botschaft gar nicht so weit weg ;-) Sowohl images als auch Songs oder Texte entstehen nicht so, dass ich mich hinsetze und überlege: Was könnte denn gut ankommen, was könnte sich gut verkaufen?

Ich arbeite eher intuitiv, aus dem Bauch heraus. Ich lasse Kontaktabzüge im Fachlabor machen und denke jedes Mal: Oh Gott! Hoffentlich ist da was dabei!
Vielleicht ist es nur ein Versuch Unsterblichkeit zu erlangen, Dinge zu erschaffen, die Dein eigenes beschränktes Leben überdauern.
Vielleicht kann ich aber damit auch meine dunkle Seite besänftigen und muss nicht mit einer Pump-Gun Amok laufen.

BIBA: Und wie beurteilst Du selbst Deine Fotografien? Würdest Du von Dir sagen, jemals eine Art „perfektes Bild“ gemacht zu haben, bzw. glaubst Du, dass dies überhaupt möglich ist? Wovon wäre ein perfektes Bild Deiner Meinung nach abhängig?

F: Ich denke manchmal ich bin nah dran ;-)
Dadurch, dass ich fast nur images für Poster, Booklets oder Postkarten mache, denke ich ohnehin recht plakativ. Es geht nicht darum von 100 imagesn einer Foto-Session möglichst viele auszuwählen. Es sind 5 oder 10, von denen Abzüge gemacht werden und verwendet werden letztendlich nur ein oder zwei images. Das ist aber normal, bzw. eher wenig im Vergleich zu fetten Fotoproduktionen, bei denen ganze Teams am Start sind. Von den ausgewählten imagesn werden High-End-Scans gemacht, die anschließend von Mirjam retuschiert werden. Sie macht auch das Layout bis hin zur Reinzeichnung. Wir sind hier eine kleine unabhängige imagesfabrik.
Und mit manchen Ergebnissen bin ich schon recht zufrieden ;-)

BIBA: Sicherlich ist es nicht ungewöhnlich, dass ein kreativer Mensch sich gleich auf mehrfache Weise mit unterschiedlichen Ausdrucksmöglichkeiten auseinandersetzt - dennoch ist es ungewöhnlich, dass man gleich in mehreren Bereichen, bei Dir Musik und Fotografie, Erfolg und Anerkennung findet. Was glaubst Du, woher rührt dieser zweifache Erfolg? Ist es das Geheimrezept einer Symbiose aus Beidem oder stehen beide Ausdrucksformen auf eigenen Beinen, könnten unabhängig von einander leben?

F: Ich denke schon, dass sich beide Sachen perfekt ergänzen. Trotzdem würde auch das Eine ohne das Andere funktionieren.
Ich kann mir durchaus vorstellen, ein 18 Summers - Album zu machen, in dem kein einziges Foto zu sehen ist. Allerdings würde Mirjam das Layout machen.
Und ich fotografiere ohnehin unter meinem Namen Felix Flaucher.
Wenn es zu dem passt, was ich an Texten schreibe, zu den Songs, die ich mit Frank mache, dann ist das prima. Aber wenn ich irgendwann keinen Bock mehr hätte, mir den ganzen Studio- oder Live-Kram rein zu tun, dann wird es trotzdem weiterhin Flyer, Poster oder Postkarten geben.
Ich würde ohnehin am Liebsten nur Anzeigen schalten, die kein Produkt verkaufen wollen ;-)

BIBA: Innerhalb der sogenannten „Gothic-Szene“, bzw. der „Indie-Szene“ hast Du Dich längst als Musiker wie auch als Fotograf erfolgreich etabliert, weiter noch, in der Tat bereits Aspekte gesetzt, die gerade auf die Fotografie bezogen viele kreative Szeneanhänger inspiriert und geprägt hat. Wie aber schaut es mit der “Außenwelt“ aus? Wie reagiert diese auf Deine Fotos? Gibt es dort die gleiche überwältigende Resonanz oder stößt du auch manchmal auf Vorurteile oder Missverständnis?
(Wenn ja, woher glaubst Du, rühren diese?)

F: Ja, es ist spaßig. Ich entdecke tatsächlich manchmal images oder Songs innerhalb der schwarzen Szene, bei denen ich denke: Also die kennen mich mit Sicherheit, und sie scheinen das offenbar ganz gut zu finden, was ich so mache. Echt prima, als Innovator der schwarzen Szene zu gelten ;-)

Ansonsten bin ich in der „Außenwelt“ kaum bekannt. Weder als Musiker, noch als Fotograf. Ich kriege es zumindest nicht mit.
Die Kassiererinnen bei Lidl oder im Kaufland fragen mich leider nie nach einem Autogramm, sondern wollen nur meine Unterschrift auf dem Kassenbeleg, wenn ich mit Karte bezahle ;-)
Der Maßstab ist inzwischen, ob Du bei PopStars oder StarSearch oder StarFucker das Rennen machst. Damit kann ich nicht dienen.

BIBA: Und was sagen Dir Deine eigenen Ambitionen? Würdest Du gerne mit der Fotografie über den Tellerrand der „Szene“ hinausschauen und auch diese Welt ein wenig mehr erreichen? (Wenn ja, woran scheitert dieses, wenn nein, warum nicht?) Was würdest Du dieser Welt über Deine Art der Fotografie zu vermitteln versuchen?

F: Natürlich wäre es cool, über den „Tellerrand“ der Szene hinaus schauen zu können. Ich befürchte nur, das wird nicht funktionieren.
Auf meinen imagesn sind zwar Möpse und Muschis zu sehen. Aber ich bin kein Playboy-Fotograf, knipse nicht das Seite 1-Mädchen der BILD und auch keine Nacktschnecken für RTL Live.
Was ich unter Ästhetik verstehe, ist für den Mainstream möglicherweise nicht glatt genug. Ich fotografiere keine von der Sonne gebräunten Mädels am Strand. Meine images kommen irgendwie immer düster rüber, haben eine eigene Stimmung, die vielleicht nicht jedem zugänglich ist. Gerade heute habe ich gelesen, dass jemand meine Fotos cool findet, weil sie „klinisch“ wirken. Das mag komisch klingen, aber ich weiß, was gemeint ist.
Und manchmal sieht es aus, als wäre das Model nicht mehr am Leben ;-)

Ich bin auch gar nicht scharf darauf, gute Laune zu verbreiten.
Ich habe vollstes Verständnis für alle Leute, die Party-Musik machen und davon leben. Und auch für die Fans solcher Musik, die sagen, dass sie genug Probleme mit ihrem Leben, in ihrem Alltag haben und entspannen möchten, wenn sie Musik hören.

Ich kann das nicht ;-)

BIBA: In punkto Musik blickst Du ja bereits auf eine umfangreiche Discografie zurück. Wie verhält es sich da mit der Fotografie? Ist da nie die Idee eines Bildbandes gekommen, nie eine Fotoausstellung in Frage gekommen? Wird es derartiges jemals geben?

F: Die Idee gab es schon mehrmals. Ich habe schon Layouts gemacht für ein Fotobuch, aber bisher hat es noch nicht funktioniert.
Da sich der Taschen-Verlag noch nicht bei mir gemeldet hat, müsste ich dieses Buch selbst produzieren. Hab ich echt nicht die Zeit für ;-)

Anfragen für Foto-Ausstellungen gab es auch schon viele, aber leider fehlt mir hier ein wenig der Bezug. Ich fühle mich null als elitärer Künstler und obwohl ich beruflich viel mit Werbeagenturen zu tun habe, bin ich eher bodenständig ;-)
Darüber hinaus komme ich ja aus dem Grafischen Gewerbe. Ich interessiere mich eher für Auflagen, die sich jeder an die Wand hängen kann, als für signierte Einzelstücke.

BIBA: Sofern diese Frage überhaupt gestellt werden darf - angenommen Du müsstest Dich entscheiden, entweder für die Fotografie oder für die Musik – welche dieser beiden Kunstformen würdest Du für Dein weiteres Leben wählen und wovon würdest Du diese Entscheidung abhängig machen?

F: Wenn ich mich tatsächlich entscheiden müsste, würde ich meine Newsletter wählen. Ich bin ja eher ein Mann des Wortes ;-)
Ich hoffe, eines Tages einen Roman zu schreiben.
Das kannst Du auch noch als alter Sack. Ich müsste das Haus nicht mehr verlassen und könnte mich bequem zurückziehen.
Vielleicht wird es auch eine Autobiografie. Mein Co-Autor Doc End sammelt schon Material für eine E-Mail-Biografie.
Eine Alternative dazu wäre die Schauspielerei. Aber ich bekomme leider nur wenig Angebote. Ich hätte damals mit der Theater AG weitermachen sollen ;-)

Zum Glück muss ich mich nicht entscheiden...


BIBA: Thema „Sinnlichkeit“ – lauscht man Deiner/ Eurer Musik und betrachtet Deine Fotografien, stößt man unweigerlich und ziemlich schnell auf ein enormes Potential an Sensibilität. Würdest Du für Dich behaupten wollen, Deine Kunst ist ein Resultat Deiner eigenen Sensibilität, eine Art Sprachrohr der Seele, Deiner Wahrnehmung, oder ist es einfach ein Stil, über dessen Wirkung Du Dir selber bewusst bist und welcher Dir selber einfach nur gefällt?

F: Ich würde es vielleicht nicht so schwülstig formulieren, aber für mich sind Musik, Fotografie und das Schreiben von Texten eine Möglichkeit, mich auszudrücken, meine Sicht der Welt anderen mitzuteilen und vielleicht habe ich Glück, weil ich dadurch einige Türen in meinem Inneren niemals öffnen muss. Türen, hinter denen nur Dunkelheit zu finden ist. Das klingt ja jetzt noch schwülstiger, als eure Frage ;-) Vielleicht muss ich das alles machen, um mein Leben überhaupt ertragen zu können.

BIBA: Zu guter Letzt – gemessen an der Ausdrucksstärke Deiner Fotos spiegelt sich in unseren Augen eine äußerst feinfühlige Wahrnehmungsfähigkeit wider. Ließe sich aus dieser bildhaft gewordenen Intensität an Empfindungen eine für Dich persönliche Definition von „Sinnlichkeit“ ableiten, bzw. herausdeuten und

F: Danke für die „feinfühlige Wahrnehmungsfähigkeit“, aber ich kann wirklich keine Definitionen für „Sinnlichkeit“ anbieten.
Ich traue mir oft selbst nicht, wenn ich im Nachhinein zu einem Bild, zu einem Song eine Menge Text schreibe. Ich traue mir nicht, weil ich nicht sicher bin, ob ich nicht einen Haufen verquastes Zeug absondere und eigentlich habe ich was aus dem Bauch heraus gemacht. Du hast eine Idee, die Dich elektrisiert und Du musst das einfach machen. Und vielleicht bringst Du tatsächlich Saiten in Dir (und im besten Fall auch im Betrachter oder Zuhörer) zum Klingen, deren Klang Du Dir nicht einmal hättest vorstellen können.

Songs oder images müssen also auch ohne eine mitgelieferte Gebrauchsanweisung funktionieren.

Es ist wirklich nicht so, dass ich alles total unter Kontrolle habe.
Ich kann es manchmal selbst nicht glauben, was bei manchen Sachen herauskommt, die ich mache. Und so oft, wie ich mich für einen totalen Loser halte, so oft bin ich auch manchmal beeindruckt ;-)


FELIX FLAUCHER
THE CHURCH OF 18 SUMMERS

Vielen lieben Dank an dieser Stelle für dieses Interview, und natürlich dafür, dass Du Dir diese Zeit für uns genommen hast.


Interview mit Felix Flaucher
von immerLicht - 29-08-2003

INTIE FELIX FLAUCHER · THE CHURCH OF 18 SUMMERS
iL:
Euer letztes Album habt ihr erstmals unter dem Namen 18 Summers veröffentlicht. Bereut ihr inzwischen die Namenswahl oder könnt ihr euch gut damit identifizieren. Ich meine, es gab ja Leute die sagten der Name 18 Summers klingt eher nach einer Boyband.

Felix:
Eigentlich war der Name 18 SS SATAN in der engeren Wahl. Haben wir dann doch nicht gemacht. Die Versuchung wäre zu groß gewesen, die beiden S in der Mitte in Runen zu schreiben ;-) Ansonsten finde ich 18 Summers in Ordnung, es ist eigentlich eine ganz gute Idee, zumindest über das Alter noch einen Bezug zu einem früheren Bandnamen zu haben. Und manche Leute halten das für eine feine Sache. Ich denke aber nicht, dass ich mich jemals noch einmal mit einem Namen richtig identifizieren kann. Von Felix Flaucher mal abgesehen. Ich hätte kein Problem damit, mir zu jedem neuen Album auch gleich einen neuen Namen einfallen zu lassen.

iL:
Wird in nächster Zeit ein neues Album von euch veröffentlicht? Wenn ja, wird es dazu vielleicht auch eine Tournee geben oder bleibt es nur bei Festivalauftritten?

Felix:
Ein neues Album wird es vielleicht Mitte nächsten Jahres geben. Wir sind gerade dabei, neue Songs zu schreiben. Aber es dauert bei uns immer recht lange, bevor wir mit unserem Material überhaupt in ein fettes Studio gehen. Frank hat inzwischen ein paar Geräte bei sich stehen, so dass wir inzwischen sehr viel mehr vorbereiten können. Für das reine Songwriting bevorzuge ich allerdings noch immer ein paar Gitarrenakkorde. Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung, ob es eine Tour geben wird.

iL:
Mich persönlich hat euer Accoustic Auftritt bei dem Popcom Festival vonViva (korrigier mich, wenn das Festival anders hieß, ich hab doch so einschlechtes Gedächtnis :) ) beeindruckt. Werd ich das noch einmal erlebenkönnen? Es muss auch nicht bei Viva sein.

Felix:
Kann schon sein. Geplant ist allerdings nichts Konkretes. Ich würde gerne irgendwann eine komplett akustische Scheibe machen. Also richtig lagerfeuermäßig mit Grillengezirpe und dem Klicken von einem Zippo Feuerzeug. Ich kann mir also auch ganz gut vorstellen, mit einem Akustik-Programm aufzutreten, gerade weil es viele Songs gibt, die mit Franks Gitarre und meiner Stimme entstanden sind, also auch so funktionieren, selbst wenn man später auf einem Album nicht immer viel davon merkt. Es ist dann eigentlich schade um die ursprüngliche akustische Version. Das machen wir noch ;-)

iL:
Du hattest mal erwähnt, so im vorbeilaufen, daß es bald eine Homepage mit Deinen Fotos geben wird. Wie weit ist die Idee vorangeschritten bzw. ausgeführt worden?

Felix:
Ja, vielleicht sollte ich nicht so viel en passant rausplappern, wenn es dann doch nicht in Angriff genommen wird ;-) Es fällt mir leichter, einen Flyer, Postkarten oder Poster zu machen, als das auch noch ins Netz zu bringen. Vielleicht mache ich aber auch irgendwann eine Homepage, um Gott zu lobpreisen. Satan war ja bisher keine große Hilfe ;-)

iL:
Mit wem würdet ihr gerne mal zusammen arbeiten?

Felix:
Peter Gabriel? Ian Anderson? Deine Mutter? Wir sind offen für Alles. Es hat sich nur noch nichts ergeben.

iL:
Welches ist derzeit dein Lieblingsalbum und warum?

Felix:
Schwer zu sagen. Ich finde eine Menge Zeugs gut, ich mag sogar Madonna, kaufe mir aber selten CDs, weil ich meist irgendwelche unfertigen Aufnahmen von Frank und mir im Auto höre und dazu einen reinsinge. Mein Lieblingsalbum ist immer unser neues Album. Besser gesagt die Aufnahmen, bevor das Album fertig ist. Wenn das Teil gebacken ist, suhlst Du Dich wie ein kleines Schweinchen darin herum. Das ist wirklich cool. Die Zeit davor ist besser ;-)

iL:
Ich glaub das reicht erstmal. Wenn mir in ein paar Wochen noch was einfällt, dann meld ich mich nochmal :o) Danke, daß Du Dir die Zeit genommenhast.

Felix:
Mach das. Meld Dich einfach...

GOTHIC & ART interview

"18 Summers" - Das Interview
GOTHIC & ART: Felix, erst einmal vielen Dank für die Einladung zum Interview in Deinem Haus. Wenn ich mich hier nun so umschaue, sehe ich sehr viele Fotos. Du fotografierst leidenschaftlich, schreibst Lyrics und machst Musik. Bitte erzähl uns, welche dieser Interessen sich bei Dir zuerst entwickelt haben und wie es kam, alles miteinander zu verknüpfen?

Felix: Für mich sind Fotografie, Schreiben oder das Songwriting nur verschiedene Möglichkeiten, mich auszudrücken, meine Sicht der Welt zu vermitteln. Inzwischen kann man das zwar fast nicht mehr sagen, weil heutzutage jede langweilige Soap-Darstellerin denkt, sie wäre eine Supersängerin. Und zumindest kommerziell gesehen funktioniert das bisweilen sogar.

Aber im kreativen Bereich geht es für mich tatsächlich nicht darum, nur in einer bestimmten Ecke unterwegs zu sein. Ich habe das, was ich mache immer als eine Art Gesamtkunstwerk betrachtet, wobei ich dieses Wort fast als zu pathetisch empfinde. Alles was ich mache, hat mit mir als Person zu tun. Und ich habe das Glück, dass es Leute gibt, die verstehen, was ich meine, die sich damit identifizieren können.

Ich entwerfe also auch kein Konzept, um einen roten Faden zu konstruieren. Ich mache keine images und suche dann nach Sounds, die dazu passen, ich komponiere keine Songs und inszeniere anschließend Foto-Sessions, die einen Titel visuell ergänzen und ich schreibe auch keine Texte, weil ich etwas passendes zu einem Bild oder einem Song liefern möchte. Das passiert sozusagen von alleine.

GOTHIC & ART: Viele der Fotos in Deinem Arbeitszimmer findet man auch in
Deinem neuen Album "Virgin Mary" wieder. Bei der Entstehung des Album entsteht was zuerst, die Fotos oder die Texte? Entsteht erst der Song und dann suchst Du die visuellen Motive dazu, oder hast Du ein Motiv und machst
dazu einen Song?

Felix: Sicher kommt es auch vor, dass ich von einem Text einen direkten Bezug zu einem Bild herzustelle oder umgekehrt.
Das ist aber eher die Ausnahme, bzw. dieser Bezug existiert oftmals ohnehin, da ich es bin, der sowohl Songs als auch images macht.
Ich schreibe nach wie vor über das, was ich denke, wie ich die Welt sehe. Und ich mache die Fotos, die meinen ästhetischen Vorstellungen entsprechen.

GOTHIC & ART: Pfingsten 2003 findet das alljährliche WGT (Wave Gothic Treffen) statt. Dort gibt es neben den musikalischen Highlights auch andere künstlerische Ausstellungen. Wirst Du Deine fotografischen Werke dort präsentieren und was wird den Besucher dort erwarten?

Felix: Es gibt eine Anfrage vom WGT, eine Fotoausstellung zu machen. Eventuell verbunden mit einem kleinen Akustik-Gig. Aber noch ist es zu früh, mehr darüber zu sagen.

GOTHIC & ART: In der letzten Zeit hört man aus der Szene immer mehr, das die großen Festivals wie Zillo, WGT, Mera Luna, u.a. den Charakter eines großen Familientreffens verlieren und immer mehr der Kommerz die Szene beherrscht. Überzogene Preise bei der Verpflegung, lieblose Massenabfertigung und schamloses "Geld-aus-den-Taschen-ziehen" gewinnen die Oberhand bei solchen Events. Wie siehst Du persönlich die Entwicklung der Vermarktung der "schwarzen-Szene-Musik"?

Felix: Money rules natürlich leider auch in der schwarzen Szene. Und dies gilt nicht nur für Festivals. Es geht immer um Kohle und jeder zockt mit jedem herum. Der Eindruck ist also sicher nicht ganz verkehrt, dass der Unterschied zwischen Veranstaltern innerhalb der schwarzen Szene und solchen aus dem Mainstreambereich gar nicht so groß ist.
Aber man darf nicht vergessen, dass Konzertveranstalter, aber auch Magazine, Bands, Labels, Betreiber von Clubs überleben wollen.
Die Veranstalter müssen die Bands bezahlen, Hotelzimmer, Catering, ein Gelände, eine oder mehrere Hallen mieten, Personal einstellen, Anzeigen schalten ...
Magazine brauchen Kohle für Druck, Vorstufe, Vertrieb, CD-Produktion. Die Musiker müssen hohe Gagen fordern, weil sie Techniker, Sound- und Lichtleute, Stage-Hands, Bühnenmusiker, aber auch Reisekosten, Miete für den Proberaum, Studiokosten etc. bezahlen müssen.

Leider sind wir keine sich selbst versorgende Amish­Gemeinde, wobei es neben der ganzen Kohle-Maschine nach wie vor sehr viele Leute gibt, die mit viel Idealismus unterwegs sind.

Vielleicht ist es mir deshalb noch nicht gelungen, reich zu werden ;-)

GOTHIC & ART: In Deinem Haus findet man viele Gegenstände aus den 30er Jahren und unheimlich viele Kreuze in allen Formen und Größen. Wie stehst Du zu dieser Zeit, in der der Faschismus in Deutschland regierte und wie stehst Du zur Kirche?

Felix: Wie soll man denn stehen zu einer Zeit, in der ganz Deutschland von einem Leichentuch bedeckt war. Ich denke viele der Glatzen, die heute rumkrakeelen, würden sich wundern, wie man sie in einem totalitären System behandeln würde. Sie würden entweder von Leuten instrumentalisiert werden, die ganz andere Ziele haben, als nur Krawall zu machen oder wären sofort weg von der Strasse.

Ich bin oft auf Flohmärkten unterwegs und in unserem Artwork verwende ich schon immer auch Symbole oder Logos, die umstritten sein mögen oder vielleicht einen falschen Eindruck erwecken könnten. Aber eine Rune steht in meinen Augen nicht für Faschismus. Und wenn bei mir einige Emailschilder oder andere Sachen aus dieser Zeit zu sehen sind ­ ich lese auch Bücher über Serienmörder.

Und wie soll man stehen zu einer Kirche, deren Priester zu Geldeintreibern geworden sind. Und die sich schon früher damit beliebt gemacht hat, fröhliche Feuerchen unter Hexen zu entzünden, die zuvor ein wenig gefoltert wurden?
Den Spaß mit kleinen Ministranten in der Sakristei kann ich ja noch nachvollziehen ;-)

Die Kirche ist selbst schuld an ihrem Verfall. Heutzutage scheint es nur noch gelangweilte Priester zu geben, die nur ihren Job machen und denen es nicht gelingt, das Feuer in den Herzen zu entzünden. Daran ändert auch das Jahr der Bibel nichts.

GOTHIC & ART: Deine Fotos sind einmalig in ihrer Art. Sie verkörpern eine gewisse Schönheit verbunden mit Abschreckung. Schönheit, Erotik, Tod und Verletzung sind auf fast allen Deiner images zu finden. Warum gerade diese Kombination?

Felix: Ich befürchte, wir sind nicht auf der Welt, um glücklich zu sein. Und ich mache keine images von braun gebrannten Schnecken auf Ibiza. Es gibt Leute, die das besser können.
Ich denke, auch in der Dunkelheit, im Schmerz lässt sich Schönheit finden und gerade die Ereignisse in Deinem Leben, bei denen Du zuerst denkst, Du kommst niemals darüber hinweg, bringen Dich im Leben am Weitesten, lassen Dich neue Wege beschreiten, Erfahrungen machen, die Du sonst nie gemacht hättest.

Es würde mir aber sicher auch Spaß machen, einen Kalender für Happy Weekend zu fotografieren ;-)

GOTHIC & ART: Bitte erzähl etwas über das Entstehen eines Fotos, von der Idee bis zum fertigen Produkt.

Felix: Die Foto-Sessions orientieren sich eher am Model, an der Stimmung des Abends, als an einer Idee. Wir haben selten einen Plan. Ich suche mir kein Model aus in der Hoffnung, mit ihr eine bestimmte Idee umsetzen zu können und wir arbeiten in der Regel auch nicht mit professionellen Models.

Mirjam schminkt die Mädelz und macht die Haare. Das dauert mindestens ebenso lange, wie die eigentliche Foto-Session. Wir schauen, was jemand an eigenen Klamotten mitbringt und ergänzen das Outfit eventuell mit Kleidung aus unserem Fundus. Wobei wir ja nie sehr viel Kleidung benötigen ;-)

GOTHIC & ART: Was hältst Du von Engelsstatuen?

Felix: Besorg mir eine und wir werden sie im Garten unserer Kirche aufstellen.

GOTHIC & ART: Wo wird die Gothic-Szene in 10 Jahren stehen?

Felix: Ich weiß ja nicht einmal, wo sie heute steht ;-)

GOTHIC & ART: Deine Vorimages in der Musik sind hinlänglich bekannt, oft in Interviews hinterfragt worden. Wer aber sind Deine Vorimages in der Fotografie?

Felix: Vorimages klingt übertrieben. Aber es gibt Fotografen, die ich cool finde: Jan Saudek, Anton Corbijn, Philippe Fichot, Ellen von Unwerth, La Chapelle, Miron Zownir, Helmut Wolech, Jack Sturges.

GOTHIC & ART: Sprechen wir wieder über "18summers". Wann ist mit einem neuen Album zu rechnen?

Felix: Keine Ahnung ;-) Wir überlegen im Moment, ob wir nicht Aufnahmen für ein neues Album zugunsten einiger Live-Auftritte in diesem Jahr opfern.

GOTHIC & ART: Beim WGT 2002 hattest Du einen Live-Auftritt. Wann und wo werden wir "18 Summers" im neuen Jahr live sehen werden?

Felix: Ich mag darüber nichts mehr sagen, weil es eh keiner mehr ernst nimmt. Wir sind leider keine Band, die sich im Rhythmus "Neues Album - Tour zum Album ­ nächstes neues Album" bewegt. Und um ehrlich zu sein frage ich mich auch manchmal, ob ich das brauche in meinem Leben.
Wir werden versuchen in diesem Jahr etwas an den Start zu bekommen.

GOTHIC & ART: Wirst Du auf dem neuen Album "Neues" probieren oder behältst Du Deinen Stil weiter bei?

Felix: Wir werden sicherlich nicht stehen bleiben, obwohl ich denke, dass wir ja ohnehin noch nie immer das Gleiche gemacht haben. Keine Ahnung, wie ein neues Album klingen wird ;-)

GOTHIC & ART: Würdest Du Dich als Urgoth bezeichnen?

Felix: Das ist ja eine spaßige Frage!
Wenn damit gemeint ist, dass ich schon mein ganzes Leben lang meinen eigenen Weg gehe, und dass dieser Weg eher durch dunkle Wälder als über sonnige Strände führt, dann kann man mich gerne einen Urgoth nennen. Aber eigentlich klingt das ja ziemlich retro. Natürlich prägt meine Vergangenheit jeden Tag meines Lebens, aber das letzte, was ich möchte ist, stehen zu bleiben.

GOTHIC & ART: Was wünschst Du Dir für das neue Jahr 2003?

Felix: 2003 werden wir unser Hauptquartier verlegen. Wir haben uns eine kleine Kirche gekauft, die noch umgebaut werden muss. Und trotz diverser Suizidversuche in wilden Jugendjahren wünsche ich mir inzwischen, ein alter Sack zu werden. Mein Job ist noch nicht fertig auf diesem Planeten ...

Ein Haufen Kohle wäre auch nicht schlecht.
Und natürlich Schnecken ohne Ende ;-)

GOTHIC & ART: Möchtest Du noch etwas an die Besucher von "GOTHIC & ART" loswerden?

Felix: Nein ­ hab schon alles gesagt ;-)

In Liebe

Felix